Vertreibung: Die späte Rückkehr in die Heimat

Der 1942 im egerländischen Littmitz (Sudetenland) geborene Wilfried Heller gehört zu einer erheblichen Zahl ost-deutscher Landsleute, die sich erst nach Jahrzehnten wieder ihrer früheren Heimat zuwenden, dann aber umso ausführlicher. Bei Heller, zunächst nach Bayern vertrieben und dort aufgewachsen, sind daraus drei Bücher geworden. Wie viele Betroffene hatte auch Heller zunächst das Thema „Vertreibung“ verdrängt, machte als Professor für Geographie mit Schwerpunkt „Migration“ im In- und Ausland Karriere, und kam dann am Ende seiner beruflichen Laufbahn wieder mit seiner Heimat in Berührung. Bernd Kallina hat seine jüngsten Werke mit Interesse gelesen, hier seine Rezension:

Verschwunden und doch präsent: „Ost-Deutsches“

Wilfried Heller geht seinen und deutschen Spuren in Ostmitteleuropa nach

„Zurück zu den Wurzeln!“: Ein Phänomen, das in Lebensläufen immer wieder zu beobachten ist, so auch bei Wilfried Heller. Der als Vierjähriger mit seinen Eltern aus dem Sudetenland Vertriebene kam erst am Ende einer respektablen Wissenschaftslaufbahn als Professor für Sozial- und Kulturgeographie (Schwerpunkte u.a.: Raumstrukturwandel und Migrationsforschung), inzwischen emeritiert, wieder mit seiner Heimat in Berührung. Daraus sind in den letzten Jahren drei kleine, lesenswerte Bücher hervorgegangen, die der Rezensent hier vorstellen möchte.

Untergänge im Gefolge des 2. Weltkrieges

„Verschwundene Orte – Zwangsaussiedlungen, Neuansiedlungen und verschwundene Orte in ehemals deutschen Siedlungsgebieten Ostmitteleuropas“, so der Titel des ersten Sammel-Bandes. Er enthält die Beiträge einer gleichnamigen Tagung vom November 2016 in Weiden (Oberpfalz) und präsentiert mit einem beeindruckenden Fotoanteil das massenhafte Verlustgeschehen im Gefolge des 2. Weltkrieges. Im heute zu Russland gehörenden Königsberger Gebiet geht z.B. die Zahl der verschwundenen Ortschaften in die Hunderte, und tschechischen Quellen zufolge sind allein im Sudetenland etwa 2.400 ländliche Siedlungen untergegangen. In geringerem Umfang sind auch in den heute polnischen Teilen Pommerns, Brandenburgs, Schlesiens und Ostpreußens ehemals deutsche Dörfer verschwunden. All diese Untergänge faktenreich zu aktualisieren ist doch äußerst verdienstvoll, denn, so Autor und Verlag, „die Geschichte und die Kultur dieser verschwundenen Siedlungen gehören zum historischen Erbe Europas.“

Jüdische Spuren im Sudetenland

Auf „Jüdische Spuren im ehemaligen Sudetenland“ geht der zweite Sammel-Band ein, für den Wilfried Heller ebenfalls als Herausgeber zeichnet. Er präsentiert darin die Vorträge im Rahmen der „Egerer Gespräche“ von 2017 zum gleichnamigen Thema. Die ebenfalls reich bebilderte Schrift – teils in Farbe – ruft in Erinnerung, dass rund 120.000 Juden in den 1920er Jahren in Böhmen, Mähren und Mährisch-Schlesien lebten. Die weitaus meisten waren deutschsprachig und etwa 25.000 von ihnen lebten im deutsch besiedelten Grenzland, dem Sudetenland, das 1938 zum Deutschen Reich kam. Mit dramatischen Folgen: Fast 90 Prozent der dort lebenden Juden flohen ins tschechische Landesinnere, um bereits 1939 ihren Verfolgern erneut in die Hände zu fallen. Nur wenigen Tausend gelang die Emigration oder ein Überleben in Lagern und Verstecken.

Das Buch zeigt die jüdischen Spuren im Sudetenland, so z.B. ihre Friedhöfe und Synagogen, einstige Privathäuser, aber auch nichtmaterielle Hinterlassenschaften. Die Autoren der einzelnen Beiträge beschreiben für ausgewählte Städte und Bezirke, was nach der Zeit des Nationalsozialismus und der anschließenden Vernachlässigung im realen Sozialismus der CSSR übrig geblieben ist von der jüdischen Gemeinschaft: Stumme Zeugen einer einst blühenden Kultur!

Biographisches: Vom Egerland nach Bayern

Die Trilogie endet (vorläufig?) mit einer biographischen Skizze des Autors Wilfried Heller, Jahrgang 1942, unter dem Titel „Zwischen Herkunft und Neuanfang“. In ihr beschreibt er frühe Kindheitserinnerungen an seine Heimat im Egerland (Böhmen) und dann den schwierigen Neuanfang seiner Familie in Bayern, im Berchtesgadener Land. Im Klappentext heißt es dazu trefflich: „Der Autor ‚zoomt’ gleichsam zwischen der privaten Lage seiner Familie und den allgemeinen politischen und sozialen Verhältnissen hin und her, was dieses Buch in der Fülle der Erinnerungsliteratur von Vertriebenen zu Etwas Besonderem macht.“ Dem kann nur zugestimmt und alle drei Bücher zur Lektüre wärmstens empfohlen werden.

Bernd Kallina

Wilfried Heller (Hrsg.), „Verschwundene Orte – Zwangsaus- siedlungen, Neuansiedlungen und verschwundene Orte im ehemals deutschen Siedlungsgebieten Ostmitteleuropas“, Verlag Inspiration Un Limited, London/Berlin 2018, 168 Seiten, 14,80 Euro.

 Wilfried Heller (Hrsg.), „Jüdische Spuren im ehemaligen Sudetenland“, Verlag Inspiration Un Limited, London/Berlin 2019, 166 Seiten, 13,90 Euro.

 Wilfried Heller, „Zwischen Herkunft und Neuanfang – Biographische Skizze eines Vertriebenen aus dem Egerlang (Böhmen)“, Verlag Inspiration Un Limited, London/Berlin 2021, 112 Seiten, 12,90 Euro.

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