Ende des antitotalitären Konsenses

Der antitotalitäre Konsens in der Bundesrepublik Deutschland ist passé. Das nicht nur wegen des verfassungswidrigen Vorgehens gegen die demokratische Opposition. Aber spätestens, seitdem sich die Bundesinnenministerin Faeser (SPD) öffentlich mit Linksextremisten solidarisiert hat und zum Kampf gegen jeden bläst, der nicht dem „Antifaschismus“ huldigt. Auch Bundespräsident Steinmeier hat sich bekanntlich diesem Kurs angeschlossen. Dies alles sei allerdings erst „der Anfang“, meint der amerikanische Politologe Paul Gottfried in einem Interview mit der Jungen Freiheit (in Nr. 8/22), das wir im Folgenden wiedergeben. 

„Das ist erst der Anfang“

Antifaschismus: Der US-Politologe Paul Gottfried warnt in seinem jüngsten Buch vor einem neuen Totalitarismus

Moritz Schwarz

Herr Professor Gottfried, was ist Antifaschismus?

Paul Gottfried: Nicht das, was er vorgibt zu sein, nämlich eine Bewegung gegen den Faschismus.

Sondern?

Gottfried: Er ist ein Etikett – um politisch etwas zu „verkaufen“, was sonst in einer Demokratie nicht durchzusetzen ist: die Ausgrenzung konkurrierender politischer Meinungen.

Zum Beispiel?

Gottfried: Ihr wiedergewählter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Sonntag in seiner Antrittsrede angekündigt: „Wer für die Demokratie streitet, der hat mich auf seiner Seite. Wer sie angreift, wird mich als Gegner haben!“

Klingt doch gut.

Gottfried: Haben Sie auch den Rest der Rede gelesen? Da läßt er durchblicken, was er damit meinte: Immer wieder spielt er auf die coronakritische Bewegung an. Und das ist etwas, was für die antifaschistische Strategie typisch ist.

Inwiefern?

Gottfried: Ihr Prinzip ist es, zu delegitimieren, indem man den anderen für antidemokratisch erklärt.

Frank-Walter Steinmeier ist in Ihrer Wahrnehmung vor allem ein typischer Antifaschist?

Gottfried: Für mich ist er vor allem jemand, der immer wieder das eigene Volk beschimpft. Daß dieses sich das gefallen läßt, finde ich jedesmal aufs neue erstaunlich, ja unverständlich. Natürlich aber weiß ich – ich lese ja deutsche Zeitungen –, daß Steinmeier nicht der einzige, daß das in Deutschland geradezu üblich ist. Doch um Ihre Frage zu beantworten: Ja, Steinmeier verkörpert jenen Typus, den ich in meinem Buch als typischen Antifaschisten beschreibe. Er bringt immer wieder Dinge, die damit gar nichts zu tun haben, in Zusammenhang mit Faschismus. Persönlich schalte ich längst auf Durchzug, wenn ich seine Reden und Äußerungen höre. Aber als Politologe muß ich mich natürlich damit auseinandersetzen. Ob Querdenker, AfD, echte oder angebliche Fake-News im Internet, für Steinmeier ist alles eine Art Wiederkehr des Faschismus und ein Angriff auf die Demokratie. Ständig tut er so, als wäre Deutschland wieder Weimar. Dabei ist er selbst mitnichten ein Verteidiger der Demokratie, denn dann müßte er für Meinungsfreiheit und politischen Pluralismus eintreten.

Das tut er nicht?

Gottfried: Ich bitte Sie, er postuliert Dinge wie: „Es reicht nicht, kein Rassist zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!“ Oder er wirbt für Auftritte von Antifa-Bands, die zu politischer Gewalt aufstacheln. „Steinmeiers Staatsziel ist der Antifaschismus“, schreiben selbst deutsche Medien, etwa das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Und so jemand wird – mit Unterstützung von CDU/CSU und FDP – Staatsoberhaupt! Aber es geht nicht nur um ihm. Man denke aktuell nur an den Fall Ihrer Innenministerin Nancy Faeser.

In Ihrem neuen Buch „Antifacism. The course of a Crusade“ beschreiben Sie Antifaschismus als eine Art Staatsideologie.

Gottfried: Ich würde noch weiter gehen und bereits von einer Art Staatskirche sprechen – eine erstaunliche Erfolgsgeschichte für etwas, das eigentlich nur Etikettenschwindel ist!

Was meinen Sie damit?

Gottfried: Beim Antifaschismus geht es um eines garantiert nicht – um Faschismus. Der ist für den Antifaschismus in Wahrheit ohne jeden Belang. Um das zu verstehen, muß man wissen, daß er Teil der Umerziehung der Deutschen durch die Besatzungsmächte ab 1945 war, Stichwort Reeducation. Durch die wurde er mit den deutschen Schuldgefühlen verbunden.

Stammt der Antifaschismus tatsächlich aus der US-Reeducation? Ist er nicht vielmehr eine sozialistische oder marxistische Bewegung, befördert von der UdSSR?

Gottfried: Ursprünglich kam er in der Tat von links, wo er in der Zeit zwischen den Weltkriegen als eine gegenrevolutionäre Kraft gegen den Faschismus etabliert wurde, die Sozialdemokraten, Liberale, christliche Bürgerliche und Kommunisten – natürlich unter deren Führung – gegen diesen vereinen sollte. Doch dann veränderte er sich, und zwar unter dem Einfluß der Frankfurter Schule, die bekanntlich geprägt wurde von Denkern wie Theodor Adorno, Max Horkheimer oder Herbert Marcuse, die sich um das 1924 in Frankfurt am Main gegründete Institut für Sozialforschung sammelten. Diese verstanden Antifaschismus nicht mehr in erster Linie als politische Aktion, sondern deuteten ihn als eine persönliche Haltung um. Die sich wiederum nicht vor allem gegen politische Erscheinungsformen richtete, wie faschistische Parteien, sondern gegen einen bestimmten Charaktertyp. Einen Charaktertyp, der von seelischen Mängeln geprägt sei, die er zu kompensieren suche, indem er zu faschistischen Systemen neige. Diese waren damit nur noch Ausdruck des Faschismus – der nun weniger etwas Politisches war als vielmehr etwas Psychologisches. In den dreißiger Jahren dann flüchtete die Frankfurter Schule vor dem Nationalsozialismus und kam in die USA. So begann sie auch hierzulande Einfluß auszuüben, und das in zunehmendem Maße – auf Intellektuelle, Akademiker, Regierungsbeamte etc.

Aber war in den USA nicht spätestens ab 1947, dem Beginn des Kalten Krieges, alles nur noch stramm antikommunistisch, während man gegenüber dem Faschismus im Kampf gegen die UdSSR beide Augen zudrückte? So wird es in Deutschland vermittelt.

Gottfried: Das ist nur eine Seite – gleichzeitig gab es aber auch eine Furcht davor, mit ehemaligen Nazis in Verbindung gebracht zu werden. So wurde nach dem Zweiten Weltkrieg – und nicht etwa während! – ein Test für US-Regierungsbeamte eingeführt, der sicherstellen sollte, daß niemand angenommen wurde, der etwas mit dem Faschismus zu tun gehabt hatte. Denn man betrachtete beide Ideologien im wesentlichen als von den gleichen totalitären Merkmalen geprägt. Oder wie Präsident Harry Truman einmal sagte, der Kommunismus sei der „rote Faschismus“. Daß die USA gleichzeitig auch mit rechten, „faschistischen“ Diktaturen zusammenarbeiteten, hat nicht viel zu bedeuten. Auch wenn die Linke das gerne als Beweis einer angeblichen geistigen Verwandtschaft darzustellen versucht. Sondern war vor allem Folge des Kalten Krieges. Schließlich hatte man zuvor ebenso mit der UdSSR kooperiert, als es gegen Hitler ging.

Allerdings galt doch unter FBI-Chef Herbert Hoover, und vor allem zur Zeit Senator Joseph McCarthys, jeder, der auch nur eine antifaschistische Versammlung besuchte, als Kommunist und potentieller Staatsfeind. Wie paßt das zu Ihrer Aussage, der Antifaschismus habe erheblichen Einfluß im Regierungsapparat entwickelt?

Gottfried: Sie sprechen von „Versammlungen“, also vom klassischen, aktionistischen Antifaschismus. Der galt in der Tat als Vorfeld des Kommunismus – was er wohl auch war – und wurde bekämpft. Doch davon unberührt nahm der soziologische Antifaschismus der Frankfurter Schule auf die akademische Welt der USA, später auch der Bundesrepublik Deutschland, mehr und mehr Einfluß. Bis in die sechziger Jahre war das Hauptthema der radikalen Linken der Kampf gegen den Antikommunismus, für den sich die Gesellschaft aber kaum interessierte. Während übrigens Probleme wie etwa die schwarze Bürgerrechtsbewegung der Linken nur als Nebenthemen galten. Doch alles wurde anders, als sich mit dem Kampf gegen den Vietnamkrieg und den Studentenprotesten die Gegenkultur der sechziger Jahre radikalisierte und dieses von der Frankfurter Schule beeinflußte Milieu begann, der klassischen kommunistischen Linken immer mehr den Rang abzulaufen, sowie zunehmend Einfluß auf das Bürgertum gewann – und damit auch der Faschismus- und Antifaschismusbegriff der Frankfurter, der aber, wie gesagt, mit der Abwehr von Faschismus nichts mehr zu tun hatte.

Sondern? Konkret!

Gottfried: Dieser Antifaschismus verstand sich als Kampf für Gleichberechtigung – der Frau, der Rassen, der Homosexuellen und anderer sozialer Minderheiten und Randgruppen und gegen eine angeblich faschistische Mentalität. Dabei waren all diese Punkte gar keine exklusiven Merkmale des Faschismus, sondern Resultat dessen, daß sich Gesellschaften evolutionär entwickeln und jedes Recht erst einmal erkämpft werden muß. Im Umkehrschluß fand sich so aber nun überall in der bürgerlichen Gesellschaft vermeintlicher Faschismus. Und diese Antifaschismusdefinition wurde sogar immer radikaler. Denn richtete die erste Generation der Frankfurter Schule ihr Hauptaugenmerk hier noch auf „klassische“ Themen wie Frauenrechte und die Bekämpfung von Antisemitismus, rückten bei der zweiten Generation Themen wie Individuum oder Sexualität in den Mittelpunkt, die zum Genderismus oder zur heutigen Identitätspolitik führten. Und mittlerweile gilt ja zunehmend selbst das Festhalten an den zwei biologischen Geschlechtern, oder an der Gleichheit der Rassen – die eine Absage an die Identitätspolitik darstellt – als Ausweis „faschistoider“ Gesinnung. Es ist offensichtlich, daß all das nichts mit Hitler zu tun hat. Paradoxerweise wird aber gerade, um diese Zusammenhanglosigkeit zu verbergen, ein angeblicher Zusammenhang um so aggressiver postuliert: Damit es gar nicht erst möglich ist, auf die Unsinnigkeit hinzuweisen, wird jedes Widerwort sofort mit lautesten Faschismusvorwürfen niedergewalzt!

Wenn sich das tatsächlich, wie Sie sagen, als eine Art Staatsideologie etabliert, was bedeutet das dann für die Zukunft unserer Demokratie?

Gottfried: Da hege ich die allergrößte Besorgnis. Denn der Antifaschismus steht erst am Anfang seiner Karriere als Staatskirche. Seinen Höhepunkt hat er noch gar nicht erreicht. Und ich befürchte, daß bereits jetzt nur noch eine Art Bürgerkrieg innerhalb der Linken verhindern kann, daß er unsere Demokratie vollständig zerstören wird. Die Fassade mag dabei unangetastet bleiben, doch dahinter entsteht ein reiner Gesinnungsstaat.

Sie glauben nicht, daß eine konservative oder nonkonforme Bewegung die Entwicklung aufhalten kann?

Gottfried: Ich sehe dafür keine entsprechende Basis, die breit genug wäre. Denn CDU/CSU bei Ihnen in Deutschland sind genau wie die Republikaner bei uns in den USA – beiden schlottern angesichts des Antifaschismus vor Angst die Knie. Wenn Sie auf die setzen, dann sind Sie ein Narr!

Was ist mit Donald Trump und der AfD?

Gottfried: Beide wagen zwar immerhin, die Gefahr zu benennen, haben aber nicht die Macht, sie zu bannen. Und daran wird sich leider auch nichts ändern.

Warum? Anders als die AfD hat Trump 2024 doch immerhin die Chance, an die Regierung zu kommen.

Gottfried: Ja, aber gelingen wird es ihm nicht. Denn wie der AfD wird auch Trump zum Verhängnis, daß er nicht in der Lage ist, sich diszipliniert zu verhalten. Wenn sich beide weiter dem Verbalradikalismus hingeben, werden sie dazu verdammt sein, weiterhin nur in der Opposition zu toben, ohne etwas politisch beeinflussen zu können. Und so bleibt doch nur die Hoffnung auf einen Aufstand innerhalb der Linken – oder das Ende unserer Demokratie wird nicht mehr aufzuhalten sein.

Prof. Dr. Paul Gottfried, der Historiker, Politologe und Philosoph lehrte an verschiedenen US-Universitäten, darunter der Universität von New York, und zuletzt am Eliza­bethtown College in Pennsylvanien. Er ist Experte für den amerikanischen Konservatismus und veröffentlichte etliche Bücher, zuletzt „Facism. The Career of a Concept“ (2017) und aktuell „Antifacism. The Course of a Crusade“ (Antifaschismus. Der Verlauf eines Kreuzzugs). Auf deutsch ist bisher nur der Band „Multikulturalismus und die Politik der Schuld. Unterwegs zum manipulativen Staat?“ (2004) erschienen. Die jüdische Familie flüchtete 1938 in die USA, 1941 wurde Paul Gottfried in New York geboren.

One thought on “Ende des antitotalitären Konsenses

  1. Antifaschismus ist in erster Linie auch eine Ablenkung von der im wahrsten Sinne des Wortes
    wirklich faschistischen Agenda des Great Reset, der ja jetzt vor allem seine häßliche und
    brutale Fratze in Kanada zeigt, was uns in nächster Zeit blüht, wenn wir dem nicht rigoros
    entgegentreten !

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