Artillerieschlacht um den Donbaß

Die militärische Lageentwicklung und die Pläne für eine Aufteilung der Ukraine

von Dr. Walter Post

Die ukrainische Regierung unter Wolodymyr Selenskyj scheint eher eine Public-Relations-Kampagne denn einen realen Krieg zu führen. Der innere Kreis um den Präsidenten stammt wie er selbst aus der Filmbranche, also Regisseure, Drehbuchschreiber etc. Allzuviel militärische Sachkenntnis darf man hier nicht erwarten, und die amerikanischen und britischen Militärberater verfolgen ihre eigene Agenda. Dabei kommt der Regierung Selenskyj zugute, daß die westliche Presse bereit ist, alles zu glauben, was aus Kiew verlautbart wird. Weitere wichtige Informationslieferanten für die westlichen Medien sind „anonyme Quellen“ in Washington, der britische Geheimdienst oder den „Neocons“ nahestehende „Think Tanks“ wie das „Insitute for the Study of War“, das sich durch seine militärische Inkompetenz auszeichnet.

Mit einem amphibischen Kommandounternehmen zur Wiedereroberung der im Schwarzen Meer vor dem Donaudelta gelegenen Schlangeninsel wollten die Ukrainer wohl die westliche Öffentlichkeit von ihren militärischen Fähigkeiten überzeugen. Laut einem Bericht von TASS geht die Idee für diese Operation auf den britischen Premierminister Boris Johnson zurück, der zum 9. Mai, dem in Rußland gefeierten „Tag des Sieges“, einen spektakulären ukrainischen Erfolg präsentieren wollte. Obwohl der ukrainische Generalstab gegen diese selbstmörderische Aktion heftig opponierte, ließ sich Präsident Selenskyj von seinen britischen Beratern überzeugen. Den Abschluß sollte eine gemeinsame Erklärung von Selenskyj und Johnson zum 9. Mai bilden, aber am Ende sprach nur Johnson, ohne die Schlangeninsel auch nur mit einem Wort zu erwähnen.[1] Das Unternehmen endete am 8./9. Mai in einem spektakulären Desaster, die ukrainischen Verluste betrugen vier Kampfflugzeuge, vier Hubschrauber, drei gepanzerte Landungsboote und mehr als 50 Kommandoangehörige.[2] Eine Offensive ukrainischer Kräfte im Raum um Charkow brachte zwar gegen schwache russische Truppen Geländegewinne, macht aber strategisch keinen Sinn. Dafür hat sich die militärische Lage auf dem Hauptkriegsschauplatz, dem Donbaß, für die ukrainische Seite weiter verdüstert.

Der russische Verteidigungsminister Armeegeneral Sergei Schoigu hat am 4. Mai deutlich gemacht, daß Rußland westliche Waffenlieferungen, sobald sie das Territorium der Ukraine erreichen, als legitime Ziele ansieht.[3] Seit Beginn der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine durch die NATO haben die russischen Streitkräfte begonnen, das ukrainische Eisenbahnsystem mit präzisionsgelenkten Marschflugkörpern und Raketen zu zerstören. Das primäre Ziel waren die zentralen Umspannwerke in der westlichen Ukraine, deren Vernichtung die elektrifizierten Eisenbahnstrecken unbenutzbar macht. Die ukrainische Eisenbahn ist größtenteils elektrifiziert, von den insgesamt 1.944 vorhandenen Lokomotiven sind 1.627 Elektro- und 301 Dieselloks.[4] Die Dieselloks können also bei einem kompletten Ausfall des Oberleitungssystems nur ca. 20 Prozent des normalen Verkehrsvolumens bewältigen. Der Einsatz von Dieselloks aus EU-Staaten scheitert am ukrainischen Breitspurnetz (1520 mm), auf dem Normalspurloks (1435 mm) nicht fahren können. Der Lkw-Bestand in der Ukraine ist zu gering, um die Eisenbahn ersetzen zu können. Wie die NATO militärisches Großgerät wie Panzerfahrzeuge und Artilleriesysteme aus der Westukraine über den Dnjepr auf den Hauptkriegsschauplatz im Donbaß transportieren will, ohne daß diese von russischen präzisionsgelenkten Marschflugkörpern und Raketen zerstört werden, ist bislang rätselhaft.

Wegen der systematischen Zerstörung des Eisenbahnsystems sowie von Treibstoffdepots und  Raffinerien herrscht in der Ukraine ein zunehmender Mangel an Benzin und Diesel. Hinzu kommt die systematische Zerstörung aller Panzer, gepanzerten Fahrzeuge und Artilleriesysteme durch die Erdkampfflugzeuge und Kampfhubschrauber der russischen Luftwaffe. Operationen im offenen Gelände sind deshalb für die ukrainische Armee nur noch in kleinem Maßstab und unter erheblichen Einschränkungen möglich.

Auf der anderen Seite  hat die Ukraine seit dem Krieg von 2014/15 acht Jahre Zeit gehabt, hinter der „Kontaktlinie“ zu den Volksrepubliken Donezk und Lugansk ein tiefgestaffeltes Stellungssystem mit zahllosen Bunkern und betonierten Stellungen  zu schaffen. Die Einnahme dieser Stellungen wäre für den Angreifer sehr schwierig und mit hohen Verlusten verbunden. Die Vermeidung eigener Verluste hat für die russische Führung aber aus innenpolitischen Gründen einen hohen Stellenwert.

Aus all diesen Gründen ist die russische Armee dazu übergegangen, im Donbaß systematisch und in kleinen Schritten vorzugehen und die Stellungen der ukrainischen Truppen mit massivem Artilleriefeuer zu zerschlagen. Nach Aussagen ukrainischer Soldaten und Offiziere sind sowohl die materielle wie die psychologische Wirkung der russischen Artillerie verheerend. Die ukrainischen Verluste an Gefallenen, Verwundeten und Kriegsgefangenen sollen derzeit mehrere hundert Mann – ein bis zwei Bataillone – pro Tag betragen. Gleichzeitig sind die Ausfälle der russischen Armee auf zwei bis drei Dutzend Mann pro Tag zurückgegangen,  was einen Bruchteil der Verluste in der Anfangsphase des Krieges darstellt.[5]

Unter den ukrainischen Kriegsgefangenen finden sich in zunehmender Zahl Reservisten im Alter von über vierzig oder sogar fünfzig Jahren, die nur eine kurze und oberflächliche Ausbildung erhalten haben. Dies legt nahe, daß den Ukrainern allmählich das „Menschenmaterial“ ausgeht. Der Dienst in der ukrainischen Armee gilt seit der Unabhängigkeit 1991 als äußerst unattraktiv, Millionen Ukrainer im wehrpflichtigen Alter sind nach Rußland oder in die EU ausgewandert, andere haben sich dem Wehrdienst durch Bestechung entzogen. Die letzte Volkszählung in der Ukraine erfolgte 2020 und stellte zum Stichtag 1. Dezember 2019 eine Bevölkerung von 37,3 Millionen Menschen fest. Bei der letzten davorliegenden Erhebung 1989, also noch in der Sowjetära, wurden noch 52 Millionen Menschen gezählt. Der Rückgang um fast 15 Millionen Menschen bzw. 28 Prozent ist neben der sehr geringen Geburtenrate auf die Abspaltung der Krim und der Volksrepubliken Donezk und Lugansk 2014 sowie die Abwanderung von vier Millionen Menschen ins Ausland zurückzuführen. Da vor allem jüngere und leistungsfähige Menschen auswandern, dürfte die Verfügbarkeit von jungen Männern im wehrpflichtigen Alter deutlich überproportional zurückgegangen sein.[6]

Die Zahlen sind auch in anderen Bereichen für die Ukrainer wenig günstig. Laut dem Wikipedia-Beitrag „List of equipment of the Russian Ground Forces“ stehen bei der russischen Armee über 4.796 Feldgeschütze und Mörser sowie 1.521 Mehrfachraketenwerfer im aktiven Truppendienst. Hinzu kommen in Depots eingelagerte Reserven von 14.600 Feldgeschützen und Mörsern sowie 2.290 Mehrfachraketenwerfern.[7] Diese Artilleriesysteme stammen ganz überwiegend aus der Sowjetära, was aber an ihrer Wirksamkeit nichts ändert. Die Sowjetunion hat außerdem während des Kalten Krieges riesige Munitionsvorräte angelegt, die zum größten Teil noch vorhanden sein dürften. Dabei hat die russische Führung  in der Ukraine bisher nur einen Bruchteil ihrer Streitkräfte zum Einsatz gebracht, die große Mehrheit wird für den Fall einer Intervention von NATO-Truppen zurückgehalten.

Die ukrainische Armee verfügte nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums vor Beginn der Kämpfe am 24. Februar 2022 über 1.509 Feldartilleriegeschütze und Mörser sowie

535 Mehrfachraketenwerfer.[8] Davon sollen bis zum 7. Mai – ebenfalls laut russischem Verteidigungsministerium – 1.364 Feldartilleriegeschütze und Mörser sowie 333 Mehrfachraketenwerfer zerstört worden sein.[9] Rein rechnerisch wären noch 145 Feldartilleriegeschütze und Mörsern plus 202 Mehrfachraketenwerfer übrig. Darüber, wie viele Artilleriesysteme inzwischen wieder instandgesetzt worden sind oder noch in ukrainischen Depots lagern, gibt es derzeit keine Angaben. Sehr viele können es aber nicht sein, denn ukrainische Soldaten beklagen heftig die hoffnungslose Unterlegenheit der eigenen Artillerie im Kampfgebiet, gleichzeitig bittet die Kiewer Regierung die NATO-Verbündeten eindringlich um die schnellstmögliche Lieferung von Artilleriesystemen und Munition.

Inwieweit die angekündigten Lieferungen von 90 amerikanischen 155 mm-Haubitzen M777 oder von insgesamt 19 deutschen und niederländischen Panzerhaubitzen 2000 oder von 12 französischen 155 mm Haubitzen „Caesar“ dem Konflikt eine kriegsentscheidende Wende geben können, erscheint angesichts der oben genannten Gesamtzahlen ausgesprochen zweifelhaft. Hinzu kommen Probleme mit Ausbildung, Instandhaltung und Logistik, die die ukrainische Armee vor erhebliche Herausforderungen stellen dürften.

Ein Beispiel ist die geplante Lieferung von etwa 50 deutschen Flugabwehrkanonenpanzern „Gepard“. Der „Gepard“ wurde ab Dezember 1976 in der Bundeswehr eingeführt und war damals zweifellos ein hochmodernes und leistungsfähiges Waffensystem. Es benötigte allerdings eine gründliche Ausbildung, die mindestens ein Jahr dauerte. Die hohe technische Komplexität hatte zur Folge, daß nach Aussage ehemaliger „Gepard“-Kommandanten an den Fahrzeugen immer irgendetwas kaputt war und sie ständig in der Instandsetzung standen. 2012 wurde der „Gepard“ bei der Bundeswehr endgültig außer Dienst gestellt.

Bei den „Geparden“, die an die Ukraine geliefert werden sollen, handelt es sich um Fahrzeuge, die an ausländische Armeen geliefert und nach Außerdienststellung an die Herstellerfirma Rheinmetall zurückgegeben wurden. Die Fahrzeuge müssen also sämtlich überprüft und instandgesetzt werden. Dann stellt sich das Problem, daß in Deutschland nur noch geringe Mengen der Sondermunition für die 35 mm-Maschinenkanonen vorhanden sind. Diese Munition wird von der Schweizer Firma Oerlikon gefertigt, die sich allerdings weigert, in Kriegsgebiete zu exportieren. Weiter steht die Frage im Raum, welche und wie viele Ersatzteile bei der deutschen Industrie für den „Gepard“ überhaupt noch vorhanden sind. Ein Panzerfahrzeug ist im Einsatz nur so gut, wie die Instandsetzung, die dahinter steht. Alles in allem ist der „Gepard“ ein leicht veraltetes Kampffahrzeug mit ungeklärter Munitions- und Ersatzteilversorgung, das den Ukrainern wahrscheinlich mehr Ärger als Nutzen bereiten wird. Mit den Kampfpanzern Leopard 1A5 und den Schützenpanzern „Marder“, deren Lieferung den Ukrainern in Aussicht gestellt wird, verhält es sich vielleicht nicht ganz so krass, aber die Grundprobleme sind ähnlich.

Den Abnutzungskrieg, der gegenwärtig im Donbaß stattfindet, kann die Ukraine rein mathematisch nur verlieren. Die Einnahme der Stadt Popasnaja durch Verbände der russischen Armee, der Volksmiliz von Lugansk und tschetschenische Sondereinheiten ist ein bedeutender Sieg, da nunmehr die im Raum Sewerodonezk – Lissitschansk eingeschlossenen ukrainischen Truppen im Umfang von etwa 8.000 Mann endgültig von jedem Nachschub abgeschnitten sind. Ihre Vernichtung oder Kapitulation ist nur noch eine Frage von Wochen. Damit wird aber auch die Stellung der Ukrainischen Armee im Donbaß insgesamt immer unhaltbarer.

Verschiedene Äußerungen von Mitgliedern der ukrainischen Regierung wie dem Präsidentenberater Oleksij Arestowitsch deuten darauf hin, daß Kiew seine Armee im Donbaß bereits abgeschrieben hat und plant, mit massiver Unterstützung der NATO westlich des Dnjepr eine neue Streitmacht aufzubauen. Diese soll dann Ende Juni/Anfang Juli eine Großoffensive eröffnen und die Russen aus der gesamten Ukraine einschließlich Donezk, Lugansk und der Krim vertreiben. Wie realistisch dies angesichts der sich stetig verschlechternden materiellen und personellen Lage der Ukraine ist, sei dahingestellt.

Bei den russisch-ukrainischen Verhandlungen in Istanbul am 29. März zeigte Kiew in wichtigen Punkten Entgegenkommen, was Hoffnungen auf eine Verhandlungslösung befeuerte. Kurz danach besuchte der britische Premierminister Boris Johnson Präsident Selenskyj, woraufhin die Ukrainer ihre Zugeständnisse an die russische Seite wieder zurückzogen. Ganz offensichtlich hat Johnson auf Selenskyj Druck ausgeübt, die Verhandlungen nur noch pro forma weiterzuführen und auf eine militärische Lösung zu setzen. Die NATO, so versprach Johnson, werde der Ukraine die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung stellen.

Aus Äußerungen von Vertretern der Biden-Administration, der britischen Regierung und der Brüsseler Kommission geht mittlerweile hervor, daß man den Krieg in der Ukraine möglichst in die Länge ziehen will, um Rußland soweit wie möglich militärisch und wirtschaftlich zu schwächen. Die Endziele sind eine schwere Wirtschaftskrise und ein Regimewechsel in Moskau. Als „Speaker of the House“ Nancy Pelosi nach ihrem Besuch in Kiew in Polen eintraf, verkündete sie, daß der ukrainisch-russische Krieg nunmehr auch Amerikas Krieg sei: „Amerika steht an der Seite der Ukraine. Wir stehen an der Seite Ukraine, bis der Sieg errungen ist.“ Pelosi wurde von einer Delegation Demokratischer Kongreßabgeordneter begleitet, unter denen sich auch der Abgeordnete Jason Crow aus Colorado befand; dieser erklärte: „Die Vereinigten Staaten von Amerika sind [in den Krieg] eingetreten, um zu gewinnen.“ Dieser Delegation folgte US-Defense Secretary General Lloyd Austin, der in Kiew die strategischen Ziele der Vereinigten Staaten in der Ukraine wie folgt erläuterte: „Wir wollen Rußland bis zu dem Grad geschwächt sehen, daß es nicht mehr in der Lage ist, die Dinge zu tun, die es getan hat, als es in die Ukraine einmarschierte.“ Das scheint auch das Motiv von US-Präsident Joe Biden zu sein, der in seinen Äußerungen über Putin alle Hemmungen fallen läßt und ihn als „Killer“, „mörderischen Diktator“, „reinen Verbrecher“, „Schlächter“ und „genozidalen Kriegsverbrecher“ bezeichnet, der „um Himmels willen … nicht an der Macht bleiben darf“.[10]

Tatsächlich rückt eine diplomatische Lösung des Konflikts in immer weitere Ferne. Der stellvertretender Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation Dmitri Medwedew schrieb am 3. Mai auf Telegram, daß Selenskyj an einem Verhandlungsfrieden gar nicht interessiert sei, da er das Ende seiner politischen Karriere bedeuten würde.[11]

Der stellvertretende Kommandeur des Zentralen Militärbezirks Rußlands, Generalmajor Rustam Minnekajew erklärte am 28. April in einem Interview mit TASS, daß das Ziel der zweiten Phase der „Besonderen Militärischen Operation“ die Befreiung des Donbaß und die Schaffung eines Landkorridors zur Krim sei. Dann sprach er von dem weitergestecktem Ziel, den größten Teil der südlichen Gebiete der Ukraine in den „russischen Raum“ zu integrieren. Minnekajew fügte hinzu, daß die Kontrolle über die südliche Ukraine auch einen Weg nach Transnistrien öffnen würde, wo die Russisch sprechende Bevölkerung ebenfalls unterdrückt werde.[12] Der Meinungsäußerung eines russischen Generalmajors ist an sich keine große Bedeutung beizumessen, in diesem Fall ist das Interview aber der staatlichen Nachrichtenagentur TASS gegeben worden, womit es halboffiziellen Charakter besitzt. Seit der Veröffentlichung dieses Interviews wird von den russischen Medien eine Landkarte verbreitet (siehe unten), die eine mögliche territoriale Neugestaltung der Ukraine zeigt. Der Süden des Landes ist auf dieser Karte zu einer Neuauflage von Noworossija bzw. Neurußland (ein Gouvernement in der Zeit der Kaiserin Katharina der Großen) zusammengefaßt. Dieses neue staatliche Gebilde reicht im Süden bis an die Grenze zu Moldawien bzw. Rumänien und würde die Rumpf-Ukraine vollständig vom Schwarzen Meer abschneiden.

Je länger Selenskyj und die Kiewer Regierung ernsthafte Verhandlungen mit Moskau verweigern und je länger die „Besondere Militärische Operation“ andauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß es zu einer einseitig von Moskau diktierten Lösung kommt. In Cherson werden vor öffentlichen Gebäuden bereits russische Fahnen aufgezogen und der Rubel ist offizielles Zahlungsmittel. Gerüchte sprechen von einer baldigen Volksabstimmung über die Gründung einer prorussischen Volksrepublik.

Eine territoriale Neugestaltung der Ukraine wird aber noch von anderer Seite angestrebt. Die Westukraine oder Galizien war vom 14. Jahrhundert bis zu den polnischen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts eine Provinz des Polnisch-Litauischen Reiches und von 1918 bis 1939 Teil der Zweiten Polnischen Republik. Die Idee einer „Wiedervereinigung“ beschränkt sich nicht nur auf die nationalistischen Parteien in Polen, sondern hat auch in höchsten polnischen Regierungskreisen ihre Anhänger.[13]

Laut dem Direktor des russischen Auslandsnachrichtendienst SWR[14] Sergei Naryschkin liegen Moskau Informationen vor, denen zufolge Washington und Warschau an Plänen arbeiten, die politische und militärische Kontrolle Polens über seine „historischen Gebiete“ in der Ukraine wiederherzustellen. Als erster Schritt zur „Wiedervereinigung“ sollen polnische Truppen unter dem Vorwand des Schutzes vor der „russischen Aggression“ in der Westukraine einmarschieren. Die Einzelheiten dieses Unternehmens werden derzeit mit der Biden-Administration diskutiert. „Laut den Vorvereinbarungen soll dies ohne ein Mandat der NATO, aber im Rahmen einer ‚Koalition interessierter Staaten‘ geschehen. Warschau sei es aber noch nicht gelungen, potentielle Interessenten für diese ‚Koalition der Willigen‘ zu gewinnen“, konstatierte der SWR. „Es liegen Pläne vor, ein sogenanntes friedenserhaltendes Kontingent in Gebiete der Ukraine zu schicken, in denen praktisch keine Gefahr besteht, auf russische Streitkräfte zu stoßen. Und die vorrangigen ‚Kampfaufgaben‘ der Polnischen Armee würden darin bestehen, wichtige strategische Einrichtungen nach und nach von der Ukrainischen Nationalgarde zu übernehmen. Die polnischen Nachrichtendienste suchen bereits nach Angehörigen der ukrainischen Elite, mit denen über die Schaffung eines pro-polnischen Gegengewichts gegen die Nationalisten verhandelt werden kann“, heißt es in der Erklärung des SWR. Die polnische Führung hoffe, daß ein präventiver Einmarsch in der Westukraine zu einem Auseinanderbrechen der Ukraine führen werde und die von „Polnischen Friedenstruppen“ besetzten Gebiete dauerhaft unter die Herrschaft Warschaus kommen.[15]

Die Rede von Präsident Wladimir Putin zum diesjährigen „Tag des Sieges“ am 9. Mai zeichnete sich entgegen aller Spekulationen in den westlichen Medien durch Zurückhaltung und Mäßigung aus. Gleichzeitig enthält sie aber deutliche Hinweise, daß Putins politisches Denken nachhaltig von der Idee der staatlichen Einheit des Russischen Sprach- und Kulturkreises und von der Existenz  des Russischen Kaiserreichs von 1721 beeinflußt ist.[16]

In der Ukraine sind seit 2014 Feiern oder auch nur Versammlungen zum „Tag des Sieges“ verboten. In den von der russischen Armee und den Donezker und Lugansker Volksmilizen befreiten Gebieten des Donbaß wurde diese Regelung natürlich aufgehoben. In Mariupol versammelte sich am diesjährigen 9. Mai ungeachtet der großflächigen Zerstörungen und der Evakuierung eines Großteils der Bevölkerung eine ansehnliche Menschenmenge in der Innenstadt, um den „Tag des Sieges“ wie gewohnt zu feiern. Die russischen Soldaten werden im Donbaß zumindest von einem großen Teil der Bevölkerung keineswegs als Besatzer, sondern durchaus als Befreier angesehen.[17]

[1] Reminiscence of the Future …, Andrei Martyanov’s Blog, 10. Mai 2022;

http://smoothiex12.blogspot.com/2022/05/gazprom-doesnt-understand.html

[2] Russian forces foil Kiev’s attempt to seize Snake Island — top brass, TASS 9. Mai 2022; https://tass.com/defense/1448813

[3] Russia warns Nato: transport carrying weapons in Ukraine is a ‘target’; Inquirer 4. Mai 2022; https://newsinfo.inquirer.net/1592369/russia-warns-nato-transport-carrying-weapons-in-ukraine-is-a-target

[4] Wikipedia Ukrainian Railways; https://en.wikipedia.org/wiki/Ukrainian_Railways

[5] Scott Ritter and Friends talk about US Tax Payer Dollars funding weapons to the Ukraine

  1. Mai 2022; https://www.youtube.com/watch?v=QDIaLNJih7U

[6] Sébastien Gobert,Volks­zäh­lung in der Ukraine: demo­gra­fi­scher Nie­der­gang unvermeidlich?

Ukraine verstehen, 19. Feb 2020; https://ukraineverstehen.de/gobert-volkszaehlung-ukraine/

[7] Wikipedia, List of equipment of the Russian Ground Forces;

https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_equipment_of_the_Russian_Ground_Forces

[8] Two more briefings: Colonel General Sergei Rudskoy and Colonel General Mikhail Mizintsev, The Vineyard of the Saker 25. März 2022;

https://thesaker.is/speech-of-the-head-of-the-main-operational-directorate-of-the-general-staff-of-the-armed-forces-of-the-russian-federation-colonel-general-sergei-rudskoy/

[9] Briefing by Russian Defence Ministry 07.05.2022 (10:45)

https://eng.mil.ru/en/special_operation/news/more.htm?id=12420282@egNews

[10] Zitate nach: Is Ukraine’s War Now America’s War? Patrick J. Buchanan – Official Website 10. Mai 2022; https://buchanan.org/blog/is-ukraines-war-now-americas-war-159368

[11] Medvedev thinks that Zelensky does not need ‘any peace treaty’, TASS 3. Mai 2022; https://tass.com/politics/1446383

[12] Sitrep: Operation Z | The Vineyard of the Saker, 5. Mai 2022; https://thesaker.is/sitrep-operation-z-13/

[13] Medvedev: Poles proclaimed partition of Ukraine, Caliber Az, 6. Mai 2022; https://caliber.az/en/post/77694/

[14] Sluschba wneschnei raswedki, deutsch Dienst der Außenaufklärung der Russischen Föderation

[15] Russian Intel Chief Exposes US-Warsaw Plans for Polish Takeover of Part of Ukraine, TASS 28. April 2022; https://tass.com/politics/1444887

[16] Victory Parade on Red Square, President of Russia 9. Mai 2022; http://en.kremlin.ru/events/president/news/68366

[17] Victory Day in the Ukraine, dreizinreport 10. Mai 2022; https://thedreizinreport.com/2022/05/10/victory-day-in-the-ukraine/

 

 

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