„Vorbilder für eine Zeitenwende“

Buchbesprechung (Quelle: Junge Freiheit Nr. 29/22)

Marita Lanfer: Säen bei Nacht. Der Deutsche Widerstand als Auftrag zur Erziehung. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried 2021, broschiert, 467 Seiten, 19,90 Euro.

Vorbilder für eine Zeitenwende

Familie, Glaube, Vaterland: Marita Lanfer über Kraftquellen des Widerstands vom 20. Juli 1944

Oliver Busch

Die pensionierte Lehrerin Marita Lanfer hat ein dickes Buch über Männer und Frauen im Widerstand gegen die NS-Diktatur geschrieben. An solchen Werken ist kein Mangel mehr. Dem trägt die Verfasserin gleich eingangs mit einer Warnung an den Leser Rechnung: Ihre Arbeit beanspruche keinen Platz in der rührigen historischen Forschung zu diesem Thema, weil sie dazu „nichts Neues“ bieten könne.

Das ist jedoch nur insoweit korrekt, als Lanfer konventionelle Erwartungen nicht erfüllt, sie tatsächlich keine neuen Quellen erschließt, keine bislang unbekannten Akteure der Anti-Hitler-Opposition präsentiert, keine verborgenen Details zum Alltagswiderstand oder aus dem Netzwerk der Verschwörer des 20. Juli 1944 ans Licht bringt. Trotzdem überrascht hier eine Außenseiterin mit einem erstaunlich innovativen Zugriff auf das von der Historikerzunft aufgetürmte Material zur deutschen Widerstandsgeschichte. Methodisch handelt es sich dabei um eine Kollektivbiographie, die die Stoffmassen anhand einer einfachen Fragestellung ordnet: Welchen Anteil hatten Erziehung und Bildung daran, daß Menschen sich zu „außerordentlichen Exponenten der sittlichen Auflehnung gegen das Hitlerregime“ entwickelten? Welche „Quellen der Kraft“ erschlossen sich ihnen in Elternhaus und Schule, die sie befähigten zu ihrer lebensgefährlichen „Bewährung im Aufstand“?

Die glückliche Auswahl von drei Dutzend Biographien und Briefeditionen, die Lanfer trifft, legt ihre Schwerpunkte auf die studentische Fronde der „Weißen Rose“, auf den „Kreisauer Kreis“ um Helmuth James von Moltke, Peter Yorck von Wartenburg, Adam Trott zu Solz, Julius Leber, Alfred Delp und Adolf Reichwein, die engsten Zirkel der Militäropposition mit Hans von Dohnanyi, Hans Oster und dem ihnen im „Amt Canaris“ attachierten Theologen Dietrich Bonhoeffer sowie auf Henning von Tres­ckow, Fabian von Schlabrendorff, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg. Schließlich kommen einige Repräsentanten des ostelbischen Adels wie Ewald von Kleist-Schmenzin und Heinrich von Lehndorff ausführlich zu Wort.

Der Text ist so konzipiert, daß Lanfer die aus Lebenszeugnissen komponierte Zitaten-Collage mit ihren Aussagen zu den „Quellen der Kraft“, als da sind Familie, Schule, Bildung, Natur, Heimat, Jugendbewegung und vor allem der christliche Glaube, mit der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen in der Geschlechterlotto spielenden, ihrem Bildungsverfall nur noch zuschauenden bunten Berliner Regenbogenrepublik stärkstens kontrastiert. Mit dem Effekt, daß Lanfers Chor der Stimmen klingt wie aus einem „inzwischen fast vollständig untergegangenen Deutschland“.

Der wesentliche Unterschied zwischen jenen Reichsdeutschen und den zur Selbstabschaffung entschlossenen bundesdeutschen Lemmingen besteht für Lanfer in der früh eingeübten Bereitschaft zum Dienst am Ganzen, in der Ausrichtung auf einen überindividuellen „höheren Daseinszweck“ in Gestalt von Volk und Nation. Denen in einer vertikalen Werthierarchie jedoch der Gott des Christentums noch übergeordnet ist. Damit ist eine unübersteigbare Grenze gezogen gegenüber der nationalsozialistischen Verabsolutierung des als rassisch determiniert verstandenen Volkes. Zugleich ist Distanz gewahrt zur NS-Parole „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, da die auf Wilhelm von Humboldt und die Weimarer Klassik zurückgehende Figur der allseits gebildeten, selbständig urteilenden und handelnden „Persönlichkeit“ keine Ähnlichkeit hat mit dem in die „Volksgemeinschaft“ eines totalitären Staates eingeschmolzenen „Volksgenossen“.

Intakte Familien als Motor für die selbstbestimmte Persönlichkeit

Wie Lanfer anhand ihrer autobiographischen, nicht selten in der Haft, nach ergangenem Todesurteil, formulierten Bekenntnisse belegt, war es immer das Vorbild der Eltern gewesen, von dem die Persönlichkeitsbildung ihren Ausgang nahm. Wobei die nachhaltige Wirkung der Autorität des Vaters und der Liebe der Mutter von der Harmonie zwischen den Eheleuten abhing. Alle Widerstandskämpfer in Lanfers Porträtgalerie stammen aus „intakten Ehen“, und sie schlossen selbst Ehen mit „starken Frauen“, die sich unter den extremen Belastungen der Kriegsjahre als so fest erwiesen, daß das Gros der „Witwen des 20. Juli“ sich nicht wieder verheiratete. „Die Kraft unserer Männer“, zeigte sich die Witwe Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfelds überzeugt, sei „zutiefst durch besonders glückliche Ehen begründet“ gewesen.

„Die Eltern trennten sich fast nie“, erzählt Sabine Leibholz-Bonhoeffer, „jeder war nur ‘ein halber Mensch’ ohne den andern. Sie brachten es in einer fünfzigjährigen Ehe auf eine Trennungszeit von ein paar Wochen.“ Was für den wilhelminischen Psychiatrie-Professor Karl Bonhoeffer und seine Frau Paula galt, bestimmte durchgängig auch das Eheleben der jüngeren Generation im Widerstand. Auffällig ist zudem, daß alle hier Zitierten auch als Erwachsene stets enge Verbindungen zu den Eltern pflegten.

Einen womöglich gleich tiefen Einfluß auf die Formung selbstdenkender, selbständiger, aber verantwortungsbewußter Persönlichkeiten hatte die Schule, zumeist ein Internat. Allein den Abiturjahrgängen 1921 bis 1933 der thüringischen Klosterschule Roßleben sind zwanzig Absolventen der Opposition gegen Hitler zuzurechnen. Unter ihnen Peter Graf Yorck von Wartenburg und Heinrich von Lehndorff. Wie erklärt sich dieser hohe Anteil von Schülern eines relativ kleinen Elitegymnasiums am Widerstand? Für Lanfer ist neben der Vermittlung des humanistischen Erbes die Weckung des Leistungswillens und die Gewöhnung an Disziplin typisch für Roßleben, daß dort die Zöglinge lernten, für eigene Überzeugungen zu kämpfen, sie gegen Widerstände zu verteidigen und sich gegen die Wonnen des Opportunismus zu wappnen. Daß gerade diese Charaktererziehung dem Leitwort der Schule gemäß einmal ihrem Dienst am Vaterland zugute kommen sollte, verstand sich von selbst. Niemand aus dieser „Auslese“, wie Clarita Trott zu Solz die Roßlebener tituliert, zweifelte zudem daran, daß der wahrhaft menschliche Mensch sich in ethnisch-kulturell fundierten, historisch gewachsenen familiären, regionalen, nationalen Gemeinschaften verwirklicht.

Nur in solchen Solidargemeinschaften, so zieht Lanfer eine wichtige Lehre aus ihrer Musterung der Widerstandsbiographien, ließe sich den barbarischen Zumutungen einer transhumanistischen Moderne trotzen, deren Erziehungsziel keineswegs der „mündige Bürger“ ist, sondern wie in der frühen bolschewistischen Sowjetunion, der möglichst wurzellose nomadische „Flugsandmensch“, der preiswert in den Produktionsprozeß paßt und der demnächst durch einen Mikrochip ersetzbar ist. Spätestens seit der Bologna-Reform ist die ökonomisierte Schul- und Bildungspolitik der Bundesrepublik bemüht, diesen Typus, die unselbständige Anti-Persönlichkeit und den handzahmen Untertanen, zu züchten.

Dagegen das Vorbild des Widerstands zu mobilisieren, wie Lanfer das in bewundernswert idealistischem Schwung tut, könnte herbe Enttäuschungen zeitigen. Denn sich als „postnational“ definierende Vielvölkergesellschaften wie der Extremfall Bundesrepublik, glauben die ideelle Integration über „Konstruktionen“ wie Heimat, Vaterland, Nation  heute für entbehrlich halten zu dürfen. Verzicht, Dienst, Opfer sind daher, wie Lanfer beklagt, mit Konsequenz kein Gegenstand der Lehrpläne, und die Persönlichkeit, die nur Sand ins Getriebe streuen würde, kein Bildungsideal mehr. Den einzigen Artikel der Verfassung einer solchen „postnationalen Gesellschaft“ hat der Sozialphilosoph Jürgen Habermas auf die kürzeste Formel gebracht: Zukunft braucht keine Herkunft. Einen durch vorgängige kulturelle, geschweige denn ethnische Homogenität gesicherten „Hintergrundkonsens“ hätten von Diversifizierung geprägte Großkollektive gar nicht nötig. Auch diesen gemeingefährlichen Blödsinn müßte eine Zeitenwende dringend hinter sich lassen. Nur mit enormem Optimismus ist allerdings zu hoffen, daß Marita Lanfers Vitalisierung der im deutschen Widerstand wirksam gewesenen Bildungsideale dazu einen zarten Anstoß geben könnte.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.