Deutschland, die islamische Welt und „populistische Strömungen“

von Vincenz Riedler

Die halbjährlichen Tagungen der „Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle “ (ZFI) setzten sich am 15. November 2025 in Ingolstadt mit drei Vorträgen fort.

So beleuchtete der ZFI-Vorsitzende Dr. Stefan Scheil zeitgeschichtliche Vorgänge im Jahre 1939. Damals erschienen, wie nach dem Kriegsausbruch von 1914, von allen Regierungen sogenannte „Farbenbücher“, so das französische „Gelbbuch“ oder das britische „Blaubuch“. In ihnen versuchten die kriegsbeteiligten Regierungen den eigenen Friedenswillen und die Verantwortung des Gegners nachzuweisen. Die in zwei Teilen erschienenen deutschen „Weißbücher“ hatten den Vorteil, dass sie sich auf erbeutete Dokumente aus der Regierungszentrale der Hauptstadt Polens stützen konnten. Aus ihnen ging zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges durch Abdruck der Berichte der polnischen Botschafter in Washington (Potocki) und Paris (Luksiewicz) hervor, dass bereits 1938 ein kommender Krieg gegen Deutschland erwartet wurde.

Bisher unbekannt geblieben war die „Zweite Folge“ polnischer Dokumente zu dieser Vorkriegsgeschichte, sie wurden vom Auswärtigen Amt des Deutschen Reiches allerdings nicht veröffentlicht. Sie dokumentieren hauptsächlich die polnische Haltung zum Münchener Abkommen, sowie das Zustandekommen des polnisch-britischen Garantieabkommens vom April 1939. Scheil: „Dieser ‚britische Blankoscheck‘ für Polen gehört zur unmittelbaren Vorgeschichte des Kriegsausbruchs von 1939 und krönte nach Ansicht des polnischen Außenministers Jozef Beck seine langjährigen Bemühungen, mit den Westmächten auf Augenhöhe zu einem Abkommen zu kommen.“

Als nächster Referent ging Dr. Walter Post auf die Beziehungen zwischen Deutschland und der islamischen Welt in der Zeit zwischen der Reichsgründung und dem Zweiten Weltkrieg ein. Das Osmanische Reich war nämlich während des Ersten Weltkrieges ein wichtiger Verbündeter Deutschlands. So unterstützte z. B. eine deutsche Militärmission die Türken bei der erfolgreichen Verteidigung der Dardanellen gegen ein britisch-französisches Landungsunternehmen. Ab 1916 ermöglichten deutsche Waffenlieferungen dem Osmanischen Reich, den Krieg bis zum Herbst 1918 durchzuhalten. Auch half das deutsche Asienkorps den Osmanen 1917/18 bei der Verteidigung Palästinas gegen eine britisch-indische Übermacht.

In zwei Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches, in Palästina und im Irak, entstanden in den 1930er Jahren nationale Befreiungsbewegungen gegen die britische Mandatsherrschaft, die nach Beginn des Zweiten Weltkrieges Hilfe in Deutschland suchten. Der Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini und der irakische Ministerpräsident Raschid Ali al-Gailani besuchten 1941 Berlin, wo sie die Deutschen bei der Aufstellung von Kampftruppen aus muslimischen Freiwilligen unterstützten, wie z. B. der 13. Waffen-SS-Gebirgsdivision „Handschar“ oder der „Legion Freies Arabien“. Es wird geschätzt, so Post, „dass während des Zweiten Weltkrieges etwa 250.000 muslimische Freiwillige auf deutscher Seite gedient haben.“

Die während des Krieges entstandenen Beziehungen wirkten auch nach 1945 weiter, als die syrische und ägyptische Regierung hohe deutsche Offiziere als Militärberater einstellten und in Europa alte Wehrmachts-Waffen zur Erstausrüstung ihrer Streitkräfte kauften. Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 kämpften ehemalige muslimische SS-Freiwillige aus Bosnien auf arabischer Seite.

In einem Impulsreferat thematisierte der Ex-Deutschlandfunk-Redakteur Bernd Kallina populistische Strömungen in Europa und in den USA. Das herkömmliche Parteien-Establishment  hätte in Aktionseinheit mit einer ininternational agierenden Linken den „Populismus“ als Kampf- und Abwehrbegriff gegen rechte Parteien eingeführt. Kallina: „Tatsächlich ist die populistische Welle aber Ausdruck einer – inzwischen – sehr starken Gegenströmung zur jahrzehntelang vorherrschenden linken Hegemonie in Politik und Gesellschaft.“

Die politisch-weltanschaulichen Kerngedanken der populistischen Bewegung seien eine Kampfansage gegen die linken Ideologie-Fundamente. So würden nicht nur die Auswüchse der linken und linksliberalen Systemeliten, wie Geschlechtervielfalt und Gendersprache, rigoros abgelehnt, sondern auch, so Kallina, „die uferlose Einwanderung aus kulturfremden Weltregionen, die unbegreifliche Preisgabe der christlich-religiösen Gesellschaftsbasis zugunsten islamischer Fundamentalisten, die dogmatische Gleichstellung auf allen Ebenen, ein rigoroser Klimaschutz auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft sowie eine feministische Außenpolitik.“

Dieser Beitrag erschien zuerst in „Zur Zeit“ 49/2025.

 

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