Keine Angst vorm Atomkrieg?

Die hohe Mobilisierungsrate der Friedensbewegung in den 1980er Jahren resultierte auch aus der in der Bevölkerung weit verbreiteten Angst vor einem vernichtenden Atomkrieg. Schon damals reichten die Arsenale der Großmächte aus, den gesamten Globus unbewohnbar zu machen. Filme wie „The Day After“ (1983) hatten den Menschen die Folgen eines solchen Konfliktes realistisch und drastisch vor Augen geführt. Der politische Druck auf die Regierungen, Friedens- und Abrüstungsgespräche mit der jeweiligen Gegenseite zu suchen, rührte auch daher.

Heute ist die Angst vor dem Atomkrieg offensichtlich weitgehend verschwunden. Dies ist umso erstaunlicher, als die Arsenale der Atommächte keineswegs kleiner und ungefährlicher geworden sind. Und anders ist es auch nicht zu erklären, dass der skandalöse Ausspruch des deutschen Bundeskanzlers Merz, er habe „keine Angst vor einem Atomkrieg“ in der deutschen Öffentlichkeit mit kaum mehr als einem Achselzucken quittiert wurde.

Dabei ist der drohende Dritte Weltkrieg mit einer Konfrontation zwischen Nato und Russland (sowie vielleicht auch China) wegen der Ukraine ohne ein nukleares Szenario kaum zu denken. Dieses nukleare Szenario würde zwangsläufig auch einen globalen Atomkrieg mit Interkontinentalraketen beinhalten. Denn, wie führende Atomkriegsexperten betonen, kann ein Atomkrieg nicht regional begrenzt werden.

Auch ein zunächst beschränkter Einsatz von taktischen (also kleineren) Atomwaffen würde aufgrund der Alarmmechanismen des Militärs und der kurzen zur Verfügung stehenden Reaktionszeit binnen kurzem zu einem umfassenden globalen Nuklearkrieg ausarten.

Der renommierte US-amerikanische Atomkriegsexperte Prof. Ted Postol führt hierzu aus:

„Wenn eine Atomwaffe auf dem Gefechtsfeld gezündet wird, weiß zunächst niemand, was das bedeutet. War es eine einzelne Waffe? Werden ihr in wenigen Minuten oder Stunden weitere Atomexplosionen folgen? Wird der Gegner, den Sie gerade angegriffen haben, sofort oder erst in einigen Tagen mit einer oder mehreren Waffen nachziehen? Wird er versuchen, ihre Atomwaffenstandorte anzugreifen?

Es herrscht ein totales Chaos, und ehe man sich versieht, explodieren nicht nur ein paar Dutzend oder Hunderte, sondern Tausende von Atomwaffen. Das ist einfach unvermeidlich.“

(Quelle: https://seniora.org/politik-wirtschaft/nuklearkrieg-mit-russland)

Es ist unverantwortlich, dass Politiker und vermeintliche Experten diese Gefahr weitgehend ausklammern und behaupten, Russland könne militärisch besiegt werden. Westliche Militärexperten wie Douglas McGregor (USA) haben immer wieder klar gestellt, dass der Kreml Atomwaffen einsetzen würde, sähe er die Existenz des Landes gefährdet. Auch die russische Seite hat das in der Vergangenheit mehrfach sehr deutlich gesagt. Übrigens gilt das Ganze auch vice versa.

Umso dringlicher ist die Forderung, Kriegstreiberei und aggressive Drohpolitik gegen Russland endlich zu beenden und endlich zu einer Verhandlungspolitik zu kommen.

Die Vereinigung „International Vereinigung Ärzte und Ärztinnen für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW) bemüht sich derzeit verdienstvoller Weise sehr intensiv darum, dass Gefahr und Folgen eines Atomkrieges den Öffentlichkeiten der Länder wieder deutlich vor Augen geführt werden. Gelänge dies, so würden Äußerungen wie die des deutschen Bundeskanzlers einen Sturm der Entrüstung erzeugen und nicht im Schweigen der Medien untergehen.

Hier können Sie zu dem Thema einen sehr eindringlichen Beitrag von Prof. Klaus-Dieter Kolenda vom IPPNW mit dem Titel „Der Blick in den Abgrund“ (auf der Seite monova.news) vom 2.12.2025 lesen. Wir empfehlen auch dringend die Weitergabe. 

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