Wir veröffentlichen im Folgenden eine Stellungnahme von Herrn Thomas Engelhardt zum Aufsatz „Ich sage nur: China, China, China“ von Manfred Backerra aus dem Deutschland-Journal Sonderheft 2025, Dezember 2025, S. 61ff., sowie anschließend die Erwiderung darauf von Manfred Backerra.
Sehr geehrte Damen und Herren,
der Beitrag von Manfred Backerra erfordert in jedem Fall eine Ergänzung. Chinas Aufstieg und Machtzuwachs birgt erhebliche Risiken für die gesamte ostasiatische Region. Angesichts der historischen Fakten ergibt sich ein völlig anderes Bild in Bezug auf die aggressive chinesische Außenpolitik.
Chinas Aufstieg und Machtzuwachs birgt erhebliche Risiken für die gesamte ostasiatische Region. Bereits unter Mao Tse Tung erhob China territoriale Ansprüche an fast alle seine Nachbarstaaten und es verging kein Jahrzehnt ohne einen Grenzkonflikt oder eine kriegsähnliche Auseinandersetzung.
China definiert seine Außengrenzen bis heute abweichend von internationalen Standards. Genauer formuliert verhält es sich so daß China der einzige Staat weltweit ist, der seine Staatsgrenzen als nicht festgelegt interpretiert. Die Volksrepublik China beansprucht beispielsweise den indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh als „Südtibet“, das an das von ihm besetzte Tibet anschließt. Weder die sog. McMahon-Linie im Süden noch die bestehenden Grenzen im Westen (Kasachstan) und im Norden gelten in China als unumstritten.
Eine latente Spannungssituation ergibt sich darüber hinaus aus dem Alleinvertretungsanspruch der Volksrepublik China gegenüber der Republik China (Taiwan). China beansprucht darüber hinaus große Teile des Südchinesischen Meeres quasi als Binnenmeer einschl. der Inselgruppen der Spratley- und Paracel- Inseln. Aufgrund dieser Ansprüche kam es bereits 1974 und 1988 zum Einsatz militärischer Gewalt gegenüber Vietnam.
1995 besetzte China ein von den Philippinen beanspruchtes Inselriff vor der philippinischen Küste. Mit Japan gibt es einen Streit um die Senkaku- Inseln.
Anfang der 1990er-Jahre veröffentlichte das Pekinger Verteidigungsministerium eine Denkschrift, in der im Rückgriff auf historische Gegebenheiten territoriale Ansprüche an nahezu alle Nachbarstaaten Chinas formuliert werden. So wurden die im 19. Jh. mit Rußland geschlossenen sog. „Ungleichen Verträge“ infrage gestellt und Gedanken entwickelt, die einer Rückforderung aller damals verlorenen Gebiete (die sog. Äußere Mandschurei) im heutigen russischen Fernen Osten gleichkommen (Amurregion, Wladiwostok, Nachodka). China beansprucht jedoch darüber hinaus ebenso das gesamte Baikal-Gebiet einschl. der bis 1922 selbständigen mongolischen Republik Tannu- Tuwa.
Gegenüber Kasachstan wird das gesamte Gebiet östlich des Balchachsees mit Verweis auf die Tatsache beansprucht, daß Ostkasachstan im 19. Jh. dem chinesischen Kaiser gegenüber tributpflichtig gewesen sei.
Bis heute ist im Westen kaum bekannt, daß China auch einen erheblichen Teil Kaschmirs annektiert hat (Aksai Chin). Dieses Gebiet wurde 1950 besetzt und in die Provinz Xiniang Ostturkestan) eingegliedert.
Mit Indien kam es 1962 zu einem einmonatigen Grenzkrieg an der tibetischen Grenze um die umstrittene McMahon-Linie. Indien erklärte das umstrittene Gebiet 1972 zum Bundesterritorium und 1987 zum neuen Bundesstaat Arunachal Pradesh, nachdem China 1986 wiederum eine massive Truppenkonzentration an der Grenze vorgenommen hatte.
Im März 1969 begann ein sowjetisch-chinesischer Grenzkonflikt am Ussuri, der mit der Besetzung der Flußinsel Damanski durch Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee provoziert wurde. Diese Insel wurde durch die sowjetische Armee unter Einsatz modernster Waffentechnik vollständig zerstört und anschließend militärisch besetzt. 1995 anerkannte Rußland den territorialen chinesischen Anspruch.
Die Gebietsansprüche Chinas gegenüberr Vietnam gipfelten 1979 in einem von beiden Seiten erbarmungslos geführten Grenzkrieg, der von China als Strafexpedition definiert wurde. Dieser Konflikt gilt erst seit 2001 als beigelegt.
China weist mit 22.000 km die längste Landgrenze der Welt auf und erhebt gegenüber nahezu allen Nachbarstaaten territoriale Forderungen. Es wird eine Frage der Zeit sein, daß Chinas wirtschaftliche Macht in militärische Drohungen münden, um diese durchzusetzen. So wird z.B. auch die Äußere Mongolei (heute Mongolische Republik) als lediglich abgefallenes Territorium und genauso wie die Innere Mongolei als Teil Chinas angesehen. Aufgrund dieser Konstellationen sind künftige Konflikte vorprogrammiert.
Die grundsätzliche Aussage Backerras, China wäre in seiner Geschichte nicht expansiv ausgerichtet gewesen muss in jedem Fall korrigiert werden, denn das genaue Gegenteil ist der Fall.
Backerra formuliert in dem Absatz: „Nur Tibet wurde feindlich übernommen“. Von einer feindlichen „Übernahme“ kann in diesem konkreten Fall keine Rede sein. Richtig ist, daß die Volksbefreiungsarmee Tibet besetzte, das Land faktisch annektierte, Teile Tibets abspaltete und sie chinesischen Provinzen angliederte. Tibet mit seinen drei historischen Gebieten Ü-Tsang, Amdo und Kham ist heute faktisch dreigeteilt. Das nordosttibetische Amdo Tibet ist heute auf die chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu und Sichuan aufgeteilt. Kham (Osttibet) ist ebenso aufgespalten. Der westliche Teil Osttibets gehört administrativ zum Autonomen Gebiet Tibet, das Gebiet Khams ist im Wesentlichen jedoch auf die chinesischen Provinzen Qinghai, Sichuan und Yunnan aufgeteilt.
Auffällig sind zwei Entwicklungen: Noch bis zum Tod Maos dominierten in den Autonomen Gebieten (Tibet, Innere Mongolei, Sinkiang/Ostturkestan, Guangxi/Autonomes Gebiet Guangxi der Zhuang) die Sprachen der einheimischen Bevölkerungen. Mit Beginn der 1980er-Jahre war eine sich bis heute verstärkende Tendenz der Sinisierung feststellbar. Aktuell ist die Situation so, daß aufgrund der forcierten Siedlungspolitik die einheimischen Völker in den Autonomen Gebieten unter erheblichen Druck geraten, zahlenmäßig ebenso wie sprachlich. In Tibet liegt der Anteil der Han-Chinesen mittlerweile bei 12 % (Stand 2020), in Ostturkestan liegt der Anteil der Han- Chinesen mittlerweile bei etwa 40 %. In der Inneren Mongolei bilden die Han-Chinesen aktuell die Mehrheit, laut der Volkszählung von 2020 machen sie dort 79 % der Bevölkerung aus (rund 18,9 Millionen Menschen), während die Mongolen mit etwa 17 % die größte Minderheit sind. Dies zeigt die klare Dominanz der Han-Chinesen, obwohl die Region mongolisch geprägt war und historisch zur Mongolei gehörte. Das unausgesprochene Ziel Chinas ist die Auslöschung der nicht-chinesischen Sprachen und Kulturen und die vollständige Eingliederung dieser fremdvölkischen Territorien in das Territorium der Volksrepublik. Die Kultur und das Brauchtum der Minderheitenvölker wird bereits jetzt zur Folklore herabgewürdigt.
Andere große nicht zu den Han-Chinesen gehörende Völker genießen weder Autonomierechte noch besonderen Schutz. Dazu gehören u. a. die Mandschu (10,3 Millionen), die Miao (9,4 Millionen), die Yi (8,7 Millionen), die Tujia (8,3 Millionen).
Das aggressive und expansive Vorgehen Chinas auch in nicht von Han-Chinesen besiedelten Gebieten zieht sich als Prinzip durch seine gesamte Geschichte. Der größere Teil des Staatsgebietes der Volksrepublik China wird (bzw. wurde) von Völkern bewohnt, die keine Han-Chinesen sind. Das betrifft insbesondere die Tibeter, die Uighuren und Kasachen in Sinkiang (Xinjiang) und die heute weitestgehend sinisierten Mandschu.
Um die These, daß China in hohem Maße auf Expansion und Erweiterung seines Staatsgebietes ausgerichtet ist zu belegen soll hier nachstehend das 20. Jahrhundert betrachtet werden. 1933 konstituierte sich im Ergebnis der Unabhängigkeitsbewegung der turkestanischen Uighuren die Republik Ostturkestan (1. Ostturkestanische Republik), die 1934 bereits liquidiert wurde. 1944 wurde mit Unterstützung der Sowjetunion die 2. Ostturkestanische Republik gegründet, die bis 1949 bestand und von Truppen der Kuomintang liquidiert wurde.
Die von der Volksrepublik China geführten Kriege gegen Indien bestanden aus drei bedeutenden Territorialstreitigkeiten, die bis 1959 ruhten.
- Indisch-Chinesischer Krieg (Grenzkrieg), 20. Oktober – 20. November 1962. (In dessen Verlauf drangen chinesische Truppen bis in die Assam-Ebene ans nördliche Brahmaputra-Ufer vor, zogen sich aber nach wenigen Wochen wieder in die Ausgangsstellungen nördlich der McMahon-Linie zurück.)
- Grenzzusammenstöße in Nathu La und Cho La, 1967. (Ende 1967 kam es in Sikkim an der umstrittenen indisch-chinesischen Grenze zu zwei weiteren Konflikten zwischen indischen und chinesischen Streitkräften, den sogenannten Nathu-La- und Cho-La-Gefechten.)
- Konfrontation in Sumdorong Chu (Sumdorung-Chu-Tal) 1987.
Bis heute beansprucht China aus historischen Gründen nahezu das gesamte Territorium des indischen Bundesstaates Arunachal Pradesh (bis Februar 1972 North-East Frontier Agency (NEFA). Dem Betrachter bietet sich hier demzufolge das Bild eines nur eingefrorenen Konflikts.
Thomas Engelhardt, Ilsede, 21.12.2025
Nachtrag: Backerra geht in seiner Darstellung auch in keiner Weise auf die der chinesischen Gesellschaft innewohnenden Widersprüche ein:
1. Widerspruch zwischen Nordchina und Südchina: Nordchinesen können sich mit Südchinesen (beide Sprachgruppen werden zu den Han-Chinesen gezählt) mündlich nicht verständigen bzw. nur über die Umgangs- und Hauptsprache Mandarin. Die Kommunikation über die Schrift dagegen ist jederzeit möglich. Beachtet werden muß, daß in China mehrere unterschiedliche Sprache gesprochen werden, deren Sprecher alle zu den Han-Chinesen gerechnet werden: Mandarin (etwa 70 % der Han-Chinesen sprechen Mandarin).
Wu, 75 Millionen
Min
Yue (Kantonesisch)
Gan
Jin
Kejia (Hakka), ca. 30 Millionen
Xiang, ca. 30 Millionen
2. Widerspruch zwischen dem Landesinneren und der entwickelten Ostküste.
3. Widerspruch zwischen den Han-Chinesen und den Minderheitenvölkern (Tibeter, Mongolen, Uighuren, Kasachen, Manschu).
Erwiderung von Manfred Backerra vom 28.12.2025:
Herr Engelhardt, daß China nicht nur als expansiv bezeichnet werden kann, sagt schlicht die Geschichte, in der China sowohl expansiv wie zurückweichend war und riesige Gebiete an Rußland abgetreten hat.
Doch vielen Dank für Ihre informative Ergänzung meines Kommentars im Hinblick auf das, was China für seine Interessen an seinen ungeheuer langen Grenzen hält und von den Anrainern fordert. Tibet, einen Teil Kaschmirs und eine Ussuri-Insel hat es erobert, in anderen Fällen kam es zu militärischen Konflikten. War da aber immer China der Verursacher? Können sich Häufigkeit wie Ausmaß der Konflikte und die Zahl der Opfer auch nur annähernd mit denen seines Rivalen im Westen messen?
Das Beanspruchen des südchinesischen Meers ist zwar sehr anmaßend, doch warum wurde der allmähliche Ausbau von Inseln ohne tätigen Widerstand zugelassen, auch von denen, die mit viel schlechteren Karten wegen Taiwans mit dem Säbel rasseln? Ist die Forderung expansiv, unbestritten Ungleiche Verträge revidieren zu wollen? Ist die Ein-China-Politik gegenüber Taiwan expansiv, wenn sie auch die Taipehs war, und Taiwan nie die Selbständigkeit nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker beansprucht hat?
N.B.: Dies so zu hinterfragen, bedeutet natürlich keineswegs, China Erfolg zu wünschen.
Die inneren Probleme Chinas gehörten nicht zum Thema meines Artikels. Doch die Ergänzung in dieser Richtung gibt eine Vorstellung davon, vor welch immensen Herausforderungen jede chinesische Führung steht. Sie wird aber wohl kaum versucht sein, durch Krieg von den inneren Problemen abzulenken, wie es z. B. die russische Führung 1914 versuchte, denn dazu ist das Land der 1,4 Milliarden viel zu heterogen und spaltungsanfällig.

