(Hier als PDF.)
Vorbereitung für eine russische Großoffensive?
von Dr. Walter Post
Am 28. Dezember 2025 besuchte der ukrainische Präsident Volodymyr Selenskyj Präsident Donald Trump in seiner Residenz Mar-a-Lago, um mit ihm über einen Waffenstillstand in der Ukraine zu sprechen. Nach diesem Gespräch telephonierte Trump mit Wladimir Putin und bat ihn, sich für den Fall eines kurzfristigen Rückrufs in der Nähe des Telephons aufzuhalten. In diesen Stunden starteten 91 ukrainische Drohnen und nahmen Kurs auf die Residenz Putins bei Waldai im Oblast Nowgorod. Die Absicht war eindeutig. Diese Drohnen wurden von der russischen Luftabwehr allesamt abgeschossen.
In diesen Tagen veröffentlichte die New York Times mehrere Artikel, aus denen hervorging, daß sämtliche ukrainischen Drohnenangriffe auf Ziele im russischen Hinterland von der CIA geleitet wurden. Das bedeutet, daß die CIA auch hinter dem ukrainischen Drohnenangriff auf Putins Residenz stand. Nachdem dieses Attentat fehlgeschlagen war, redete sich die CIA darauf hinaus, daß der Angriff nicht Putins „Datscha“ gegolten habe, sondern einem in der Nähe gelegenen militärischen Ziel, das aber nicht näher benannt wurde.[1]
Tatsächlich befindet sich unmittelbar neben Putins Residenz eine große unterirdische Kommandozentrale für die Führung eines Atomkrieges. Ob Trump dieses Attentat der CIA angeordnet oder gebilligt hat, ist bis heute ebenso unklar wie die Frage, ob Putin sich zu diesem Zeitpunkt im Kreml oder in Valdai aufgehalten hat.
Robert Barnes, ein intimer Kenner der amerikanischen Innenpolitik, ist der Meinung, daß Trump von der CIA „überfahren“ worden sei, d.h. die CIA hätte die Aktion ohne Wissen von Trump geplant und durchgeführt und sich darauf verlassen, daß Trump nichts anderes übrig bleiben werde, als sie nachträglich zu billigen, zumindest in der Öffentlichkeit. Andernfalls müßte er zugeben, daß er seinen Geheimdienst nicht unter Kontrolle habe, was einen empfindlichen Prestigeverlust nach sich ziehen würde.[2] Ob dieser Anschlag auf Putin nun mit oder ohne Wissen Trumps erfolgte, die Moskauer Führung war außerordentlich verärgert.
Am 8. Januar 2026 setzten die russischen Streitkräfte zum zweiten Mal im Ukrainekrieg eine Mittelstreckenrakete vom Typ „Oreschnik“ ein. Die „Oreschnik“ startete auf dem Testgelände Kapustin Jar, überwand eine Strecke von 1.450 km in rund 15 Minuten und ging dann auf ein Ziel im Raum Lwiw[3] nieder. Zusammen mit den ersten Videos vom Einschlag der „Oreschnik“ gelangten Berichte in die Öffentlichkeit, denen zufolge Europas größter unterirdischer Gasspeicher bei Biltsche-Wolytsko-Uherske in Stryj in der Nähe der polnischen Grenze getroffen worden sei.
Das russische Verteidigungsministerium teilte jedoch wenige Tage später mit, daß das getroffene Ziel nicht der Gasspeicher, sondern das Staatliches Flugzeugreparaturwerk Lwiw im Süden der westurkainischen Stadt gewesen sei. Die Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums lautet wie folgt:
„Laut Informationen mehrerer unabhängiger Quellen hat ein Angriff der russischen Streitkräfte in der Nacht zum 9. Januar mit dem mobilen bodengestützten Raketensystem ‚Oreshnik‘ das staatliche Flugzeugreparaturwerk in Lwiw außer Gefecht gesetzt. Im Werk wurden Flugzeuge der ukrainischen Streitkräfte, darunter von westlichen Ländern gelieferte F-16 und MiG-29, repariert und gewartet. Das Werk produzierte außerdem Lang- und Mittelstrecken-Kampfdrohnen, die für Angriffe auf russische zivile Einrichtungen im russischen Hinterland eingesetzt werden. Das Oreshnik-System griff Produktionshallen, Lager mit Produkten (Drohnen) sowie die Infrastruktur des Werksflugplatzes an.
Im Zuge eines massiven Angriffs mit dem Raketensystem ‚Iskander‘ und den seegestützten Marschflugkörpern ‚Kalibr‘ wurden außerdem die Produktionsanlagen zweier Kiewer Fabriken, die Kampfdrohnen für Angriffe auf russisches Territorium montieren, sowie Energieinfrastruktur-anlagen, die die ukrainische Verteidigungsindustrie unterstützen, getroffen.“[4]
Ukrainische Nachrichtenagenturen berichteten, daß Sekundärwirkungen des Einschlags zu Ausfällen in der Gasversorgung in der Region geführt haben. Ein Mitglied des Lemberger Stadtrats deutete an, daß diese Schäden durch die von der „Oreschnik“ erzeugten Druckwelle verursacht worden seien. Über die Schäden in dem Flugzeugreparaturwerk schweigen sich die Ukrainer aus.
Die „Oreschnik“-Attacke war ganz offensichtlich ein Vergeltungsschlag, der dem Westen eine deutliche Botschaft senden soll. Wahrscheinlich spielen dabei mehrere der jüngsten Provokationen und Eskalationen mit hinein: Der versuchte Drohnenangriff auf Putins Residenz, die Beschlagnahmung eines Öltankers, der unter russischer Flagge fuhr, durch die amerikanische Coast Guard, und schließlich die Selbstverpflichtung der Europäer, im Falle eines Waffenstillstands in der Ukraine europäische Truppen auf ukrainischem Boden zu stationieren. Moskau hatte kurz zuvor zum wiederholten Male gewarnt, daß es solche Truppen als legitime Ziele ansehen würde.
Die ukrainische Luftwaffe gab bekannt, daß der Start der „Oreschnik“ in Kapustin Jar um 23:30 Uhr registriert worden sei. Wie man im Video der Angriffe sieht, zeigt der Zeitstempel 23:46 Uhr an. Das bedeutet, daß die Flugzeit der „Oreschnik“ 16 Minuten betrug. Die Ukrainer waren demnach von dem Start durch amerikanische Satellitenaufklärung in Echtzeit informiert worden. Aber selbst mit dem Wissen um den Startzeitpunkt konnten die Amerikaner das Ziel nicht bestimmen, da die Rakete zu schnell fliegt, um die Flugbahn präzise zu berechnen und das Zielobjekt rechtzeitig zu warnen. Lokalen Berichten zufolge gab es vor dem Angriff keinerlei Vorwarnung. Einige Berichte besagen, daß Ruland die USA bereits drei Stunden vor dem Start informiert habe. Dies erscheint plausibel, da der Start eines Flugkörpers wie einer Interkontinentalrakete von Frühwarnsystemen als nuklearer Erstschlag interpretiert werden könnte.
Die mysteriöse SS-X-34 „Oreschnik“ scheint – nachdem einige Zeit alle möglichen Meinungen zum Funktionsprinzip dieses Waffensystems im Umlauf waren – nach den neuesten Erkenntnissen keineswegs eine „revolutionäre Wunderwaffe“ zu sein.
Der emeritierte Professor Theodor Postol vom Massachusetts Institute of Technology ist Spezialist für Atomwaffen und ihre Trägersysteme. Bei der „Oreschnik“ handelt es sich seiner Meinung nach um eine einstufige Rakete, und zwar um eine Weiterentwicklung der ersten Stufe der alten sowjetischen Mittelstreckenrakete SS-20 „Saber“ (russische Bezeichnung RSD-10 „Pioner“) die ein Gewicht von 26 Tonnen besitzt. Die SS-X-34 „Oreschnik“ steigt auf ihrer Flugbahn bis auf eine Höhe von 750 km, wo sie sechs „Omnibusse“ ausstößt, die voneinander unabhängig lenkbar sind um im Zielanflug eine Geschwindigkeit von 14.000 km/h (was etwa Mach 11 entspricht) erreichen. In der konventionellen Version trägt jeder „Omnibus“ sechs „Flechettes“ (Pfeilgeschosse), die im Ziel nur durch ihre kinetische Energie wirken. Alternativ könnte jeder „Omnibus“ auch eine Nuklearwaffe tragen. Die Wirkung der konventionellen Version ist in etwa mit der Kurzstreckenrakete „Iskander“ vergleichbar, die „Flechettes“ der „Oreschnik“ sind insbesondere gegen Gebäude von großer Wirkung.
Aufgrund ihrer enormen Geschwindigkeit ist es praktisch unmöglich, so Postol, die Oreschnik“ abzufangen.[5]
In ihrer nuklearen Version verfügt die Oreshnik über sechs separate, unabhängig voneinander steuerbare nukleare Gefechtsköpfe, was sie zu einer äußerst gefährlichen Waffe macht.[6]
Das Staatliches Flugzeugreparaturwerk Lwiw ist ein Instandsetzungswerk für Luftfahrzeuge der ukrainischen Verteidigungsindustrie. Das Werk wurde noch zu Sowjetzeiten gegründet und hat sich auf die Überholung und Modernisierung von Militärflugzeugen spezialisiert, insbesondere von Kampfflugzeugen der MiG-Serie und, in jüngerer Zeit, von NATO-Staaten gelieferten Kampfflugzeugen vom Typ F-16 „Fighting Falcon“. Aufgrund seiner geographischen Lage in der Westukraine galt das Staatliche Flugzeugreparaturwerk als verhältnismäßig sichere Einrichtung und als wichtiger Stützpunkt für die Instandhaltung der ukrainischen Luftstreitkräfte.[7]
Eine Quelle aus der Russischen Duma in Moskau berichtet, daß aus dem Flugzeugreparaturwerk Lwiw die Mehrzahl der ukrainischen Drohnen stammt, insbesondere diejenigen Typen, die für Angriffe gegen Ziele im russischen Hinterland eingesetzt werden. Diese Drohnen werden größtenteils im Westen vorgefertigt und nach ihrer Ankunft in der Ukraine fertig zusammengebaut.
Nach Meinung der Russen befindet sich auf dem Gelände des Flugzeugreparaturwerks außerdem eine militärische Kommandozentrale, von der aus die Drohnenangriffe auf Rußland geleitet werden.[8]
Der Angriff der „Oreschnik“ auf Lwiw war nur Teil einer großangelegten Luftoffensive, in deren Verlauf Kiew und andere ukrainische Städte von Hyperschallflugkörpern, Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen getroffen wurden. Laut ukrainischen Berichten wurden bei den Angriffen vom 8./9. Januar bis zu zwölf ballistische Raketen vom Typ „Iskander“, 25 Marschflugkörper „Kalibr“ und ca. 200 „Geran“-Drohnen eingesetzt.
In Kiew wurden drei Blockheizkraftwerke mindestens schwer beschädigt, die Stadt leidet seither unter massiven Problemen bei der Versorgung mit Strom, Wasser und Fernwärme. Noch brisanter ist die Tatsache, daß Dnjepropetrowsk und Saporischschje, Städte mit jeweils fast einer Million Einwohnern, ohne Strom waren. Ein russischer Fernsehsender berichtet über die Angriffe auf Dnjepropetrowsk und Kriwoi Rog:
„Dem Ausmaß der Schäden nach zu urteilen, geht es nicht mehr nur um den Ausfall der Stromerzeugung, sondern vielmehr um einen gezielten Angriff auf die Verteileranlagen. Rußland ist es offenbar gelungen, mit relativ begrenzten Ressourcen schrittweise lokale, aber anhaltende und spürbare Stromausfälle zu verursachen.“[9]
In der Folge war zeitweilig fast die Hälfte der Kiewer Hochhäuser ohne Wasser, Heizung und Strom. Städtische Arbeiter begannen, das gesamte Wasser aus den Haussystemen abzupumpen, weil ansonsten die Steigleitungen und Rohre einfrieren und platzen würden. Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko forderte die Bewohner auf, die Hauptstadt zu verlassen, er erklärte:
„Fast 6.000 Wohnhäuser in Kiew sind derzeit ohne Heizung, nachdem kritische Infrastruktur in der Hauptstadt durch einen großangelegten russischen Angriff beschädigt wurde. Die städtischen Mitarbeiter haben soziale Einrichtungen – insbesondere Krankenhäuser und Geburtskliniken – an mobile Heizkraftwerke angeschlossen. Gemeinsam mit den Mitarbeitern der Energieversorger arbeiten sie daran, die Strom- und Wärmeversorgung der Kiewer Bevölkerung wiederherzustellen.“
Klitschko machte kein Geheimnis daraus, daß der Angriff in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar die kritische Infrastruktur der Hauptstadt schwer getroffen habe: „Die städtischen Dienste arbeiten unter Notfallbedingungen. Und leider werden die Wetterbedingungen in den kommenden Tagen voraussichtlich schwierig bleiben. Ich appelliere daher an alle Einwohner der Hauptstadt, die die Möglichkeit haben, die Stadt vorübergehend zu verlassen und sich in Gebiete mit alternativen Strom- und Wärmequellen zu begeben.“[10]
In Kiew gab es bisher ein reges Nachtleben, alle Waren waren erhältlich, und selbst die wenigen kurzen Stromausfälle waren kaum spürbar. Das hat sich mittlerweile geändert. Der öffentliche Nahverkehr war vorübergehend eingestellt, im Fernverkehr kommt es zu erheblichen Störungen.[11]
Besonders auffällig war bei diesem Angriff auf Kiew das Fehlen jeder nennenswerten Luftabwehr. Es tauchten Videoaufnahmen auf, die den Start und die Selbstzerstörung einer einzigen „Patriot“-Rakete am Himmel zeigten.[12]
In Kiew gab es vor den Angriffen am 8./9. Januar planmäßige Stromabschaltungen, bei denen beispielsweise Verbrauchergruppen vier Stunden lang Strom erhielten, bevor dieser für acht Stunden abgestellt wurde. Diese planmäßigen Abschaltungen wurden mittlerweile eingestellt, die Stromausfälle dauern nun sehr viel länger. Die öffentliche Beleuchtung wurde so weit wie möglich abgeschaltet, Fabriken haben geschlossen. Schulen und Universitäten befinden sich in verlängerten Ferien. Viele Geschäfte haben geschlossen, da der Betrieb von privaten Notstromaggregaten auf Dauer zu teuer ist.
Die Blockheizkraftwerke lieferten auch Warmwasser für die Fernheizung. Die Temperaturen in der Ukraine liegen seit Anfang Januar unter null Grad Celsius, viele Gebäude hatten ihre Wasserleitungen nicht entleert. Die Heizkörper und Wasserleitungen sind eingefroren und geplatzt. Experten schätzen, daß die Reparatur jedes einzelnen Gebäudes bis zu neun Monate dauern und erhebliche Kosten verursachen wird. Kiew befindet sich keineswegs allein in einer Notlage. Auch Odessa ist betroffen, Dnjepropetrowsk hat ähnliche Probleme. In Charkow wurde eines der letzten kombinierten Wärme- und Elektrizitätswerke der Stadt außer Betrieb gesetzt. Auch aus Sumy und Saparoschje wurden Stromausfälle gemeldet.
Die ukrainische Regierung befürchtet eine neue russische Angriffswelle. Diese werde voraussichtlich Umspannwerke des ukrainischen 750-Kilovolt-Hochspannungsnetzes zerstören, das von den verbliebenen Kernkraftwerken gespeist wird. Die Kernkraftwerke selbst sind zwar nicht gefährdet, müßten in diesem Fall aber ihre Leistung drosseln, da niemand mehr an sie angeschlossen wäre, um den erzeugten Strom abzunehmen.
Große Stromnetze sind sehr komplex, und die Wiederinbetriebnahme eines ausgefallenen Systems erfordert ein hohes Maß an Koordination und Planung. Jeder Fehler führt sofort zu neuen Ausfällen und beschädigten Anlagen. Die Systeme in Kiew befinden sich derzeit in einem Zustand, in dem es selbst ohne weitere russische Angriffe Wochen dauern könnte, bis sie wieder funktionieren.
Das russische Verteidigungsministerium betont, daß diese Angriffe eine Vergeltungsmaßnahme für Angriffe auf russische Infrastruktureinrichtungen seien. Die ukrainische Führung war von Moskau ausdrücklich gewarnt worden, daß jeder Angriff auf die russische Infrastruktur mit gleichen Mitteln beantwortet werden würde. Ungeachtet dessen setzte die ukrainische Führung ihre Angriffe auf russische Städte, insbesondere Belgorod, fort.[13]
Weitere großangelegte Angriffswellen trafen Kiew und andere ukrainische Großstädte am 13. und 20. Januar. Laut ukrainischen Berichten kamen dabei „Iskander“-Raketen und Hyperschallflugkörper vom Typ „Zirkon“ zum Einsatz. Die Temperaturen waren zu diesem Zeitpunkt auf bis zu minus 18 Grad Celsius gesunken und die Kältewelle soll noch mehrere Wochen anhalten. Präsident Selenskyj gab bekannt, daß allein in Kiew zeitweilig über eine Million Menschen ohne Strom waren. Andere Berichte besagen, daß in Kiew 80 Prozent und in der Region Tschernihiw 87 Prozent der Bewohner über Tage hinweg ohne Strom und Heizung waren.[14]
Der „Kiyv Independent“ berichtet, daß die neue Welle von Raketen- und Drohnenangriffen die Strom- und Wärmeversorgung in Kiew und anderen ukrainischen Städten schwer getroffen habe. Laut ukrainischem Energieministerium waren Verbraucher in Kiew und Umgebung sowie in den Gebieten Odessa, Dnipropetrowsk, Sumy, Riwne und Charkiw aufgrund des Angriffs auf die Energieinfrastruktur ohne Strom. Die DTEK (deutsch Donbaß-Treibstoff-Energie-Gesellschaft), das größte private Energieunternehmen der Ukraine, gab an, daß in Kiew mehr als 335.000 Menschen ohne Elektrizität waren. Gegen 10 Uhr Ortszeit war die Stromversorgung für 162.000 Haushalte wiederhergestellt, während rund 173.000 weiterhin ohne Versorgung waren. In Kiew sind 5.635 Gebäude weiterhin ohne Heizung, was etwa 46 Prozent des Wohnungsbestands der Stadt entspricht. In rund 1.600 Gebäuden wurde die Heizung wiederhergestellt, die übrigen 4.000 müssen warten.[15]
Die schockierendste Zahl kam jedoch von Bürgermeister Vitali Klitschko, der erklärte, daß im Januar 600.000 Einwohner Kiew verlassen hätten. Kiew hatte vor dem Krieg 2,9 Millionen Einwohner. Das würde bedeuten, daß 600.000 Menschen bis zu 25 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.
Selbst das ukrainische Parlament, die Werchowna Rada, meldet, daß sie weder über Heizung noch Strom verfügt. Der Abgeordnete Schelesnjak berichtet, daß die Werchowna Rada aufgrund des Ausfalls von Heizung, Wasser und Strom nach den Bombenangriffen im Homeoffice arbeitet.
Ein bekannter westlicher Militärexperte, der österreichische Oberst Markus Reisner, erklärte gegenüber der „Berliner Zeitung“, daß die russische Armee mit ihren Angriffen auf die ukrainische Infrastruktur zunehmende Erfolge habe. Nur ein sehr geringer Prozentsatz der einfliegenden russischen Flugkörper könne noch abgeschossen werden, und die Abfangrate sei insbesondere bei Marschflugkörpern und ballistischen Raketen sehr gering. Zwar könnten noch etwa 70 bis 80 Prozent aller Drohnen abgeschossen werden, aber angesichts ihrer enormen Zahl sei der Anteil derer, die durchkommen, sehr hoch.[16]
Die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur setzt auch die Europäische Kommission in Brüssel unter Druck, da sie gezwungen ist, immer höhere Finanzmittel für die Ukraine aufzuwenden. Rußland verfolgt die Strategie, die Ukraine als funktionierenden Staat zu zerstören und gleichzeitig Europa, insbesondere seine derzeitige politische Führung, massiv zu schwächen. Europa wird innenpolitisch, wirtschaftlich und geopolitisch immer schwächer, während sich das Machtgefüge drastisch zu Gunsten Rußlands verschiebt.[17]
Die Verhärtung der Haltung Moskaus spiegelt sich auch in einer Rede wieder, die Präsident Wladimir Putin am 15. Januar 2026 anläßlich der Überreichung der Beglaubigungsschreiben von 32 neu ernannten Botschafter in Moskau hielt. Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse in der Ukraine, in Venezuela und im Iran betonte Putin, daß der Frieden sich nicht von selbst einstelle, sondern daß vielmehr „Anstrengungen und Verantwortungsbewusstsein“ erforderlich seien, eine Haltung, die „angesichts des sich zunehmend verschlechternden internationalen Klimas heute besonders relevant“ sei. Diplomatie und Bemühungen um tragfähige Kompromisse würden jedoch durch „einseitige und gefährliche Aktionen“ ersetzt: „Anstatt daß Staaten miteinander in Dialog treten, gibt es jene, die sich auf das Recht des Stärkeren berufen, um ihre einseitigen Narrative durchzusetzen,“
Die Anspielung auf die jüngste Äußerung von US-Präsident Donald Trump, der zufolge das Völkerrecht für ihn bzw. die USA nicht mehr relevant sei, ist unüberhörbar. Im Gegensatz dazu, so Putin, könne die „Achtung des Völkerrechts durch alle Mitglieder der internationalen Gemeinschaft“ sowie die Förderung einer „gerechten, multipolaren Weltordnung“ als eine „vernünftige Lösung“ angesehen werden: „In dieser Weltordnung hätten alle Staaten das Recht, ihre eigenen Entwicklungsmodelle zu verfolgen und ihre Zukunft unabhängig und ohne Einmischung von außen zu gestalten, während sie ihre einzigartige Kultur und ihre Traditionen bewahren.“ Im Gegensatz zu den USA setze sich Rußland „für die Stärkung der zentralen Rolle der Vereinten Nationen“ ein: „Vor acht Jahrzehnten konnten sich unsere Väter, Großväter und Urgroßväter nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg vereinen, einen Interessenausgleich finden und sich auf die grundlegenden Regeln und Prinzipien der internationalen Kommunikation einigen. Diese wurden in ihrer Gesamtheit, Vollständigkeit und Vernetzung in der UN-Charta verankert. Die Gebote dieses Gründungsdokuments, wie Gleichheit, Achtung der Souveränität, Nichteinmischung in innere Angelegenheiten und die Beilegung von Streitigkeiten durch Dialog, sind heute relevanter denn je.“
Sicherheit müsse umfassend, gleichberechtigt und unteilbar sein und dürfe nicht für einige Wenige auf Kosten anderer gewährleistet werden: „Die Mißachtung dieses grundlegenden, lebenswichtigen Prinzips hat noch nie zu etwas Gutem geführt … Dies hat die Krise um die Ukraine deutlich gezeigt, die eine direkte Folge jahrelanger Mißachtung der legitimen Interessen Rußlands und einer bewussten Politik der Bedrohung unserer Sicherheit war, einschließlich des Vormarsches des NATO-Blocks an Rußlands Grenzen – entgegen den uns gegebenen öffentlichen Versprechen.“
Rußland habe wiederholt „Initiativen zum Aufbau einer neuen, verlässlichen und fairen Architektur europäischer und globaler Sicherheit“ vorgelegt, womit Putin auf die Dokumente anspielt, die Moskau im Dezember 2021 Washington und der NATO überreicht hat, auf die aber nie eine Antwort erfolgte. Es wäre, so Putin, sinnvoll, „die substanzielle Diskussion dieser Vorschläge wieder aufzunehmen, um die Bedingungen für eine friedliche Beilegung des Konflikts in der Ukraine festzulegen.“
Putin geht anschließend auf die Beziehungen Rußlands zu den Staaten der neu bestallten Botschafter ein, wobei er die Beziehungen Moskaus zu Brasilien und Kuba besonders hervorhebt.
Brasilien war Gründungsmitglieder der BRICS-Staaten und teile die Auffassungen Moskaus hinsichtlich der Notwendigkeit, „eine wahrhaft gerechte multipolare Weltordnung zu schaffen“:
„Wie Sie wissen, habe ich erst gestern mit Präsident Lula da Silva telefoniert. Dieses Gespräch bekräftigte unsere gemeinsamen Ansätze zu globalen und regionalen Prozessen sowie die Tatsache, daß unsere Positionen in vielen Schlüsselfragen … übereinstimmen.“ Und zu Kuba bemerkte Putin: „Rußland steht solidarisch an der Seite Kubas in seinem festen Entschluß, seine Souveränität und Unabhängigkeit zu verteidigen.“
Putin ging mit keinem Wort auf die laufenden amerikanisch-russischen Gespräche über die Ukraine ein, sondern fordert den Aufbau einer „fairen Architektur europäischer und globaler Sicherheit“ als Voraussetzung für jedes Abkommen zur Ukraine. Wesentlicher Bestandteil dieser „Architektur“ ist ein Rückzug der NATO auf die Grenzen von 1998, eine Forderung, auf die Washington, Brüssel und die europäischen Hauptstädte mit Sicherheit nicht eingehen werden.
Damit nicht genug gibt Putin zu verstehen, daß Rußland auch weiterhin gute Beziehungen zu Brasilien und Kuba pflegen wird und die von Präsident Trump verkündete Neuauflage der Monroe-Doktrin von 1823 – die Sicherung des US-amerikanischen Einflusses in der westlichen Hemisphäre – nur mit Einschränkungen respektiert.[18]
Das bedeutet, daß Moskau an ernsthaften Verhandlungen über eine Beilegung des Ukraine-Konflikts nicht mehr interessiert ist. Die Gespräche zwischen Steve Witkoff, Jared Kushner und Kirill Dmitrijew werden nur noch weitergeführt, um den Kontakt nach Washington nicht völlig abreißen zu lassen. Der Krieg wird auf dem Schlachtfeld entschieden.
Die Offensive gegen ukrainische Energieversorgung hat die ukrainische Wirtschaft praktisch zum Stillstand gebracht. Sie beeinträchtigt darüber hinaus den Eisenbahnverkehr, der für die Verlegung und Versorgung der ukrainischen Truppen unentbehrlich ist. Das russische Vorgehen deutet zunehmend auf die Vorbereitung einer Großoffensive noch in diesem Winter oder im kommenden Frühjahr hin.[19]
Anmerkungen:
[1] Ukraine did not target Putin’s Home, C.I.A. Says; New York Times 09.01.2026; https://www.nytimes.com/2025/12/31/us/politics/ukraine-putin-home-drone-strike-cia.html
[2] Regime change escalator w/ Robert Barnes (Live); The Duran 13.01.2026
https://www.youtube.com/watch?v=O3tOyjSUs0M
[3] Russisch Lwow, deutsch Lemberg
[4] Zit.n. Swift Retaliation: Putin Launches Oreshnik Strike on „Largest Gas Storage Site in Europe“ in Ukraine’s Lvov Region; Simplicius the Thinker 09.01.2026
https://simplicius76.substack.com/p/swift-retaliation-putin-launches
[5] Theodore Postol: The Secrets of Russia’s Oreshnik Missile; Glenn Diesen 19.01.2026
https://www.youtube.com/watch?v=W8rblc8LNPA
[6] Ukraine’s Power Grid Woes Worsen, + New Oreshnik BDA; Simplicius the Thinker 13.01.2026
https://simplicius76.substack.com/p/ukraines-power-grid-woes-worsen-new
[7] Oreshnik vs Lviv Targets [i] Deep attack on critical infrastructure; MIKE MIHAJLOVIC 16.1.2026; https://substack.com/home/post/p-184019544
[8] Russia Prepares Biggest Ukraine Strike Duma Wants Reserve Armies Committed; Trump Restarts Iran War; Alexander Mercouris 11.01.2026; https://www.youtube.com/watch?v=QWwlm027yp4
[9] Zit.n. Swift Retaliation: Putin Launches Oreshnik Strike on „Largest Gas Storage Site in Europe“ in Ukraine’s Lvov Region; Simplicius the Thinker 09.01.2026
https://simplicius76.substack.com/p/swift-retaliation-putin-launches
[10] Kyiv mayor calls on residents to leave capital as half of city’s buildings have been left without heating after Russian attack; Ukrainska Pravda 09.01.2026
https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/01/09/8015328/
[11] Winter Strikes Kiev; Moon of Alabama 09.01.2026
https://www.moonofalabama.org/2026/01/winter-strikes-kiev.html#comments
[12] Ukraine’s Power Grid Woes Worsen, + New Oreshnik BDA; Simplicius the Thinker 13.01.2026
https://simplicius76.substack.com/p/ukraines-power-grid-woes-worsen-new
[13] Dark Kiev; Moon of Alabama 17.01.2026;
https://www.moonofalabama.org/2026/01/dark-kiev.html
[14] Situation Goes Critical as Kiev Begins Emptying Out; Simplicius the Thinker 21.01.2025
https://simplicius76.substack.com/p/situation-goes-critical-as-kiev-begins
[15] Russia targets nuclear power plant substations, thousands in Kyiv without power, water;
The Kiyv Independent 20.01.2026
[16] Situation Goes Critical as Kiev Begins Emptying Out; Simplicius the Thinker 21.01.2025
https://simplicius76.substack.com/p/situation-goes-critical-as-kiev-begins
[17] Swift Retaliation: Putin Launches Oreshnik Strike on „Largest Gas Storage Site in Europe“ in Ukraine’s Lvov Region; Simplicius the Thinker 09.01.2026
https://simplicius76.substack.com/p/swift-retaliation-putin-launches
[18] Ceremony for presenting letters of credence. Vladimir Putin received the letters of credence from newly appointed ambassadors of foreign nations. The Kremlin 15.01.2026;
http://en.kremlin.ru/events/president/news/79011
[19] Oligarch fighting in Ukraine. Zelensky Davos trip in doubt; The Duran 21.01.2026

