Arnold Gehlen zum 50. Todestag

Dieser Beitrag erschien am 30.1.2026 auf Junge-Freiheit Online.

Jeden Tag recht behalten – Was Arnold Gehlen uns heute zu sagen hat

 

von Karlheinz Weißmann

 

Vor 50 Jahren starb der große Denker Arnold Gehlen. Er war bekannt für seinen rücksichtslosen Blick auf die Realitäten und die Neigung, jede in Mode gekommene politische Illusion rücksichtslos zu zerstören. Eigentlich müßte er heute Konjunktur haben. Eigentlich.

 

In einer Zeit, in der die Obrigkeit den Wert von Institutionen preist, die jeder Kritik entzogen sind, und Linke der Erhöhung des Wehretats zustimmen, die Tabubrecher von ehedem über die Dogmen der Zivilreligion wachen, die Mitte die „Hypermoral“ in Frage stellt und zugibt, daß der Staat Interessen hat, die fallweise mit ruppigen Methoden durchzusetzen sind, sollte ein Denker wie Arnold Gehlen Konjunktur haben.

Denn Gehlen war bekannt für seinen rücksichtslosen Blick auf die Realitäten und die Neigung, jede in Mode gekommene politische Illusion rücksichtslos zu zerstören. Das hat ihm in seiner letzten Lebenszeit – er starb vor fünfzig Jahren, am 30. Januar 1976 – den Widerwillen, wenn nicht den Haß aller Progressiven eingetragen. Und da deren Erben bis heute den Ton vorgeben, kann von Anerkennung keine Rede sein. Auch wenn Gehlen jeden Tag mehr recht hat und seine Gegner mehr unrecht haben, wird man vergeblich nach Hinweisen suchen, daß ihm zumindest Hellsichtigkeit zugestanden wird.

Eine bemerkenswerte Karriere

Daß am Ende solche Geringschätzung stehen würde, war zu Beginn der akademischen Karriere Gehlens kaum zu erwarten gewesen. Der 1904 in einer Familie des gehobenen Bürgertums Geborene hatte zwischen 1924 und 1927 ein Studium der Philosophie, Psychologie, Germanistik und Kunstgeschichte in Leipzig und Köln absolviert, das er mit der Promotion im Fach Philosophie abschloß.

Schon im Alter von 27 Jahren konnte Gehlen sich habilitieren und 1934 einen Lehrstuhl für Philosophie in Leipzig übernehmen. 1938 folgte die Berufung nach Königsberg, 1940 nach Wien; seine Lehrtätigkeit wurde lediglich wegen der Einberufung zum Militärdienst während des Krieges unterbrochen. Die bemerkenswerte Karriere Gehlens hatte ihre Ursache auch darin, daß er dem NS-Regime gegenüber als loyal galt.

Mit der NS-Ideologie konnte er nichts anfangen

Eine Einschätzung, für die sein Parteieintritt und dann die Tätigkeit in Unterorganisationen der NSDAP ebenso sprach wie die Übernahme des typischen Jargons in Gelegenheitsarbeiten für die Presse. Allerdings war denjenigen, die genauer hinsahen, früh aufgefallen, daß Gehlen sich antisemitischer Aussagen enthielt und von den völkischen Vorstellungen der NS-Ideologie wenig wissen wollte.

Man warf ihm ein „Halb und halb“ vor, und nachdem 1940 sein Hauptwerk „Der Mensch: Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ erschienen war, hieß es sogar, daß Gehlens These vom Menschen als „organischem Mängelwesen“, das allein durch planendes „Handeln“ zum „Prometheus“ werde und so die Grundlagen seines Überlebens schaffe, „individualistisch und wesentlich unpolitisch“ sei.

Gehlens Menschenbild dürfte viele interessieren

Tatsächlich dürfte jeder, der entweder auf Grund seiner religiösen Überzeugung (der Mensch als „Krone der Schöpfung“) oder der Lehre Darwins (der Mensch als das Lebewesen, das sich im „Survival of the Fittest“ durchgesetzt hat) meint, daß dem Menschen eine Spitzenstellung zukommt, irritiert sein über Gehlens Behauptung, daß die „Physis“ des Menschen „aller beim Tier wohlbewährten organischen Gesetzlichkeit geradezu widerspricht“.

Denn er verfüge weder über die notwendige Bewaffnung, um seinen natürlichen Feinden zu widerstehen, noch über die Fluchtfähigkeit, um ihnen im Konfliktfall zu entkommen. Weiter spiele die „Unspezialisiertheit“ seiner körperlichen Ausstattung eine Rolle und die Tatsache, daß ihm die Natur sogar sicher funktionierende Instinkte verweigert habe.

Warum der Mensch den Aufstieg schaffte

Der Mensch hat aber nicht nur diese Lasten zu tragen. Ihm fehlen auch alle Filter in der Weltwahrnehmung. Seine Sinnesorgane fangen Eindrücke ungeschieden auf. Hat das Tier Umwelt im präzisen Sinn des Wortes, das heißt einen Ausschnitt der Welt, der es betrifft und in den es eingepaßt wurde, dann hat allein der Mensch die Welt im Ganzen, die ihm zum „Überraschungsfeld“ wird. Die damit einhergehende Problematik ist es allerdings auch, die dem „Mängelwesen“ die Möglichkeit eröffnet, seine Defekte in Vorzüge zu verwandeln, denn sie ermöglicht seine „Weltoffenheit“.

Das heißt, nur der Mensch kann sich der Welt gegenüberstellen und diese Distanz zum Ausgangspunkt seines Denkens und Tuns machen. Hier liegt nach Meinung Gehlens die wesentliche Ursache für den Aufstieg des Menschen.

In einem Essay, den er wenige Jahre nach dem Erscheinen von „Der Mensch: Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ geschrieben hat, formulierte er seine Anschauung zusammenfassend: „Wir sehen …, wo wir auch hinblicken, den Menschen über die Erde verbreitet und trotz seiner physischen Mittellosigkeit sich zunehmend die Natur unterwerfen. Es ist dabei keine Umwelt, kein Inbegriff natürlicher und urwüchsiger Bedingungen angebbar, der erfüllt sein muß, damit `der Mensch´ leben kann, sondern wir sehen ihn überall, unter Pol und Äquator, auf dem Wasser und auf dem Lande, in Wald, Sumpf, Gebirge und Steppe `sich halten´.“

Gehlen hatte mächtige Feinde

Solches Sichhalten ist aber niemals selbstverständlich, was Gehlen am eigenen Leib zu spüren bekam, als 1945 mit dem Hitlerstaat auch Deutschland zusammenbrach. Er verlor als Nichtösterreicher seinen Lehrstuhl in Wien und mußte sich in den Westzonen dem üblichen Entnazifizierungsverfahren unterwerfen. Erst 1947 erhielt er wieder einen Lehrauftrag, und den nicht an einer Universität, sondern nur an der Hochschule für Verwaltungswissenschaft in Speyer. Bemerkenswerterweise schlug er die Option einer Professur für Philosophie aus – die Philosophie war seiner Meinung nach ein Anachronismus in der Moderne – und übernahm stattdessen das Fach Soziologie. Das vertrat er auch, nachdem er 1962 an die Technische Universität Aachen berufen worden war.

Wenn Gehlen ein Lehrstuhl an einer renommierteren Hochschule verwehrt blieb, war das darauf zurückzuführen, daß er im akademischen Milieu der jungen Bundesrepublik mächtige Feinde hatte. Zu nennen ist hier neben den Vertretern der Frankfurter Schule – in erster Linie Max Horkheimer – auch der für den Aufbau der Sozialwissenschaften in der Nachkriegszeit maßgebliche René König.

Kritik am „modernen Subjektivismus“

Gehlen wird die Zurücksetzung mit Unmut quittiert haben, dürfte sich aber auch in seiner Analyse menschlicher Institutionen bestätigt gesehen haben. Wie er in seinem zweiten großen Buch – „Urmensch und Spätkultur“, 1956 veröffentlicht – ausgeführt hat, zwingt die Instinktunsicherheit den Menschen neben einem „Antriebsüberschuß“ dazu, sich durch den Aufbau bestimmter Einrichtungen zu „entlasten“, die ihm allfällige Entscheidungen abnehmen, dabei allerdings auch sein Verhalten schematisieren.

Gehlen hielt diese Entfremdung einerseits für unvermeidlich, wenn man den erreichten zivilisatorischen Standard halten wollte, andererseits für die Voraussetzung jenes Maßes an Freiheit, das dem Menschen überhaupt erreichbar ist. Ein Sachverhalt, der in der Industriegesellschaft, wie er irritiert feststellen mußte, immer weniger begriffen wurde. Der „moderne Subjektivismus“, schrieb Gehlen, verstehe eine entscheidende Wahrheit nicht mehr: „Kultur ist ihrem Wesen nach ein über Jahrhunderte gehendes Herausarbeiten von hohen Gedanken und Entscheidungen, aber auch ein Umgießen dieser Inhalte zu festen Formen, so daß sie jetzt, gleichgültig gegen die geringe Kapazität der kleinen Seelen, weitergereicht werden können, um nicht nur die Zeit, sondern auch die Menschen zu überstehen.“

Glänzende Polemik gegen die heraufziehende Dekadenz

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In seiner letzten Lebensphase verstärkte sich bei Gehlen der Eindruck, daß alle Voraussetzungen für solches Überstehen im Schwinden begriffen waren. Obwohl er sein letztes Buch, das 1969 unter dem Titel „Moral und Hypermoral“ herauskam, als Ergänzung von „Der Mensch“ und „Urmensch und Spätkultur“ betrachtet hat, handelte es sich doch gleichzeitig um eine glänzende Polemik gegen jene Entwicklung, die seiner Meinung nach in die Dekadenz führte.

Der Band trug den Untertitel „Eine pluralistische Ethik“, weil es Gehlen darum ging, den Nachweis zu führen, „ … daß es mehrere voneinander funktionell wie genetisch unabhängige und letzte sozialregulative Instanzen im Menschen gibt“. Er konnte sich für diese Annahme auf das Vorbild aller differenzierten Gesellschaften berufen, die immer verschiedene Tugenden für verschiedene Lebensbereiche kannten, etwa die Weisheit für den Lehrstand, die Tapferkeit für den Wehrstand, den Fleiß für den Nährstand.

Familienmoral versus politische Moral

Gehlen seinerseits identifizierte vier Quellen der Moral: das Prinzip des do ut des – „gib, dann wird dir gegeben“ –, das im ökonomischen und juristischen Bereich Geltung bis in die Gegenwart beansprucht, die biologische Ethik, die den Nepotismus ebenso erklärt wie die selbstverständliche Zuwendung zu allem, was durch das Kindchenschema ausgezeichnet ist, dann die Familienmoral und schließlich die Ethik der Institutionen, vor allem des Staates.

Unter aktuellen Gesichtspunkten ging es Gehlen in erster Linie um das Widerspiel zweier Moralen: der Familienmoral und der politischen Moral. Er erkannte der Ethik der intimen Kleingruppe durchaus ihr Recht zu, den Grundsätzen der Liebe und gegenseitigen Achtung, der Ehrlichkeit und der Fürsorge zu folgen, aber er bestritt ganz entschieden das moralische Recht, diese Prinzipien auf die Welt im Großen zu übertragen.

Späte Anerkennung

Dort, wo Staaten sich gegenübertreten und Parteien ihre Interessen durchzusetzen suchen, sei es unsittlich, nach dem Gebot der Nächstenliebe oder auch nur der Goldenen Regel zu handeln. Der „Humanitarismus“, der eben das verlangte, hatte sich seit dem Anfang der sechziger Jahre in der ganzen westlichen Welt ausgebreitet und zersetzte jede Ordnung. Letztlich werde der Masseneudämonismus als einziger Maßstab innenpolitischen, der Pazifismus als einziger Maßstab außenpolitischen Handelns gelten.

Das Wesen des Politischen finde dann gar kein Verständnis mehr, was die denkbar fatalsten Folgen nach sich ziehe, denn: „Man muß Macht haben, um überhaupt handeln zu können, zumal in der moralischen Sphäre. Man hat gewaltig zu sein, um Gutes zu tun, und stark, um Schutz zu bieten.“

Gehlen hat nicht mehr erlebt, daß diese Einschätzung wieder Anerkennung fand. Aber die außerordentliche Resonanz, auf die „Moral und Hypermoral“ bei Erscheinen in einem Teil der Öffentlichkeit stieß, hat ihm in Kreisen der rechten Intelligenz die Anerkennung als „Denkmeister der Konservativen“ (Armin Mohler) eingetragen und einen Impuls gesetzt, dem sich in letzter Konsequenz auch die Entstehung der Zeitung verdankt, in der dieser Text heute erscheint.

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