Einen Bismarck brauchen wir und keinen Wadephul

… meint Thorsten Hinz in einem Beitrag für die Junge Freiheit (6.2.2026) und beklagt gleichzeitig das beschämend niedrige Niveau der Parteien bei der Diskussion um den bedeutenden deutschen Staatsmann, den Reichskanzler Otto von Bismarck.

Bismarck und die Narreteien der deutschen Außenpolitik

 

Wenn die Parteien im Bundestag über Otto von Bismarck diskutieren, erschüttert das niedrige Niveau. Dabei wäre ein Politiker mit dem Format des ersten Reichskanzlers gerade in der derzeitigen außenpolitischen Situation Europas bitter notwendig. Eine Betrachtung von Thorsten Hinz.

 

In zwei Weltkriegen hat Deutschland sich gegen drei große Mächte beziehungsweise Machtblöcke verkämpft: gegen Rußland, gegen die USA und das British Empire. Im Ersten Weltkrieg kam noch Frankreich hinzu. Das Empire existiert nicht mehr, Großbritannien ist (wie Frankreich) nur noch eine im Abstieg begriffene mittlere Größe. An seine Stelle ist als dritte Weltmacht China getreten.

Die drei Großen stehen Deutschland und Europa als potentielle Übermächte gegenüber. Die Chance der kleinen und mittleren Staaten liegt hauptsächlich darin, daß die Interessen der Russen, Amerikaner und Chinesen untereinander nicht identisch sind. Das eröffnet den Kleinen Handlungsspielräume, die sich aber verringern oder verschließen, wenn sie die Großen einzeln oder allesamt zum Ausbund des Bösen erklären. Die Versicherung von Außenminister Johann Wadephul: „Rußland wird immer ein Feind für uns bleiben, wie immer auch der Krieg in der Ukraine enden möge”, war daher mehr als eine Dummheit, nämlich ein politischer Fehler.

Wadephul ließ ganz nebenbei das Prinzip „Erbfeindschaft“ wieder auferstehen, das jahrzehntelang die deutsch-französischen Beziehungen kontaminiert und selbst für Otto von Bismarck ein schwer zu bewältigendes Handicap dargestellt hatte. In seinem Kissinger Diktat von 1877 heißt es: „Ein französisches Blatt sagte neulich von mir, ich hätte ‚le cauchemar des coalitions‘; diese Art Alp wird für einen deutschen Minister noch lange, und vielleicht immer, ein berechtigter bleiben.“ Inzwischen ist der „Alp“ einem weitgehend pragmatischen, von deutscher Seite allerdings übermäßig sentimentalisierten Verhältnis („deutsch-französische Freundschaft“) gewichen.

Bismarck schätzte Rußland realistisch ein

Eine neue Erbfeindschaft, nun sogar potenziert, ist das Letzte, was wir brauchen. Altkanzler Gerhard Schröder hat mit seiner Warnung vor der „Dämonisierung“ Rußlands recht. 2022 setzte Deutschland seinen Ehrgeiz daran, sich aus der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu lösen. Als Ersatz orderte ein grüner Minister LNG-Gas aus den USA, das teuer und umweltschädlich, dafür freiheitlich-demokratisch zertifiziert war. So glaubte man.

Nun regiert in Washington Donald Trump, und in Berlin dämmert die Erkenntnis, daß man sich in eine neue, womöglich noch schlimmere Abhängigkeit und Erpeßbarkeit begeben hat. Die höheren Kosten und den Umweltschaden gibt es obendrein. Fürwahr eine strategische Meisterleistung deutscher Außen- und Wirtschaftspolitik! Der Beschluß der EU, für Gas aus Rußland ab 2027 einen Importstop zu verhängen, schraubt den Irrsinn auf eine noch höhere Stufe.

Zurück zu Bismarck. Seine Haltung zu Rußland war alles andere als naiv-romantisch geprägt. Er hielt Rußland für einen mächtigen, potentiell gefährlichen Nachbarn, was ihn aber darin bestärkte, den Draht nach Petersburg auf keinen Fall abreißen zu lassen. 1887 wurde der geheime Rückversicherungsvertrag geschlossen, in dem beide Seiten sich wohlwollender Neutralität versicherten, sollte ein Vertragspartner von dritter Seite unprovoziert angegriffen werden. Bismarck war klar, daß das Abkommen im Ernstfall – Krieg mit Frankreich – die Russen nur ein paar Wochen vom Angriff auf Ostpreußen abhalten würde, doch die Zeit sollte reichen, um die Franzosen zu schlagen und anschließend die Truppen nach Osten zu verlagern und Rußland abzuschrecken.

Gleichzeitig sondierte er ein Bündnis mit England und schickte zu dem Zweck seinen Sohn Herbert nach London. Der britische Premier Salisbury lehnte nach einigen Verhandlungsrunden höflich ab, ohne für die Zukunft ein Abkommen gänzlich auszuschließen. Vielleicht würde man Deutschland ja noch brauchen, um Rußland, den großen weltpolitischen Gegenspieler, in Schach zu halten. Doch einstweilen fühlte Großbritannien sich in seiner „splendid isolation“ sicher. Noch sah es keine Notwendigkeit, dauerhafte Allianzen einzugehen, die ihm bindende Verpflichtungen auferlegten.

Es war Britanniens Privileg, in Europa als Schiedsrichter aufzutreten und zu verhindern, daß eine einzelne Macht die Hegemonie über den Kontinent erringen und zum Konkurrenten werden konnte, der den Erhalt und Ausbau seines Weltreiches gefährdete. Das Empire hatte für London Priorität.

Deutschlands Diplomaten hatten Großbritannien nichts anzubieten

Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi und der Kaiser ließen den Rückversicherungsvertrag 1890 auslaufen, obwohl Rußland eine Verlängerung gewünscht hatte. Daraufhin schloß Rußlands 1892 eine Militärkonvention und 1894 eine Allianz mit Frankreich ab, was die deutsche Verhandlungsposition gegenüber England drastisch schwächte. London sah Deutschland nun gefährlich in eine russisch-französische Schraubzwinge gespannt. Neue Vorstöße aus Berlin für ein Bündnis beurteilte man im Foreign Office daher kühl: Das Bündnis zwischen London und Berlin würde dazu dienen, Deutschland Elsaß-Lothringen zu sichern, doch was könne Deutschland im Gegenzug England bieten? Nichts, was es wert wäre, die eigene Handlungsfreiheit gegenüber Rußland und Frankreich einzuschränken.

Der Bündniswunsch „wurde in London deshalb verworfen, weil man es nicht nötig hatte“! Der Satz erschien gesperrt gedruckt in Wilhelm Schüßlers Studie „Deutschland zwischen Rußland und England“ im Jahr 1940. Dem Sinn nach identisch schrieb Niall Ferguson 60 Jahre später in seinem Buch „Der falsche Krieg“, der Grund für das Scheitern des anglo-deutschen Bündnisprojektes „lag nicht in der Stärke, sondern in der Schwäche Deutschlands“. Großbritannien wollte sich mit Rußland über seine imperialen Ambitionen, über Indien, Persien, über sein Empire verständigen. Deutschland konnte ihm dabei nichts nutzen.

1904 schloß Großbritannien die „Entente Cordiale“ mit Frankreich ab. Ob diese Politik für Europas Stellung in der Welt auf längere Sicht vernünftig war, ist eine ganz andere Frage. Auf der deutschen Politik jedenfalls lag 1914 „das Gefühl eines dunklen Fatums“, wie Schüßler am Schluß seines Buches festhält. Es erschien, wohlgemerkt, 1940, als Deutschland sich erneut im Krieg mit England befand, dessen Ende nicht abzusehen war, zumal hinter England sich der mächtige Schatten der USA erhob. Was mit sich brachte, daß die Sowjetunion sich gegenüber Deutschland „in einer außerordentlich günstigen Position“ befand. So nachzulesen in Joseph Goebbels‘ Tagebuch anläßlich des Besuchs des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow in Berlin im November 1940.

Wer war schon Bismarck?

So viel zur Geschichte. Welche Lehren zieht die Politik daraus? Soweit es die Bundestags-Elite betrifft: keine. Wer war schon Bismarck, daß man sich ernsthaft mit ihm beschäftigen muß? „(B)eißender Spott ergießt sich über Alexander Gauland. An diesem Donnerstag im Bundestag feixen und klatschen nicht nur Union, SPD und Grüne, als es gegen den Ehrenvorsitzenden der AfD geht“, war im Berliner Tagesspiegel über eine Kurzdebatte zu lesen, die am 12. September 2025 im Hohen Haus stattgefunden hatte. Beantragt hatte sie die AfD. Der Antrag lautete: „Umbenennung des Bismarck-Zimmers im Auswärtigen Amt zurücknehmen“. Dem Bismarck-Zimmer war 2022 von Annalena Baerbock der Allerweltsname „Saal der deutschen Einheit“ verordnet worden.

Ihr Nachfolger Johann Wadephul hat ihn beibehalten. Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland begründete den Antrag. Die Umbenennung des Zimmers unter der Ampelkoalition sei symbolisch, sie reihe sich ein „in die ahistorische grüne Weltsicht einer feministischen Außenpolitik, zu der Bismarcks Name nicht nur nicht paßt, sondern die seinem Wirken, gestützt auf die Interessen des deutschen Staates, konträr ist“.

Ihm antwortete Philipp Amthor für die CDU/CSU. Der 33jährige Jurist wußte: „Otto von Bismarck würde sich schämen für Ihre unpatriotische Außenpolitik, die deutschen Interessen zuwiderläuft. Und Otto von Bismarck würde sich schämen für eine Partei, die nicht die Interessen Deutschlands vertritt, sondern die den Interessen der Feinde unserer Freiheit dient. Eine solche Partei ist die AfD, meine Damen und Herren.“

CDU und AfD liefern sich Bismarck-Streit

Amthor erläuterte, „die deutsche Außenpolitik gründet nicht allein auf der Zeit von Bismarck, sondern auf Demokratie, Menschenrechten und europäischer Integration“. Er verteidigte damit die „wertebasierte Außenpolitik“, mit der Deutschland sich lächerlich gemacht und um jeden Einfluß gebracht hat. Von Bismarck stammt der Satz: „Ich habe das Wort ‚Europa‘ immer im Munde derjenigen Politiker gefunden, die von anderen Mächten etwas verlangten, was sie im eigenen Namen nicht zu fordern wagten.“

AfD-Kollege versuchte dem CDU-Mann mit der Zwischenfrage in die Parade zu fahren, ob es etwa im deutschen Interesse liege, Afghanen einzufliegen. Eine berechtigte Frage, die hier jedoch fehl am Platz war. Amthor antwortete sinnfrei: „Im Interesse Deutschlands ist es, wenn eine Migrationspolitik nicht genutzt wird, um nur zu polarisieren, sondern dafür, die Probleme dieses Landes zu lösen.“

Gauland hatte erwähnt, daß man auch die Außenminister Rathenau und Stresemann ehren könne. Das war rhetorisch ungeschickt, weil es erstens vom Thema wegführte und zweitens dem CDU-Abgeordneten Jürgen Hardt die Gelegenheit für eine Kurzintervention gab: „Der Abgeordnete Gauland hat ja gefordert, daß man ein Rathenau- und ein Stresemann-Zimmer im Auswärtigen Amt begründet. Ist Ihnen bekannt, daß es ein Stresemann-Zimmer und ein Rathenau-Zimmer im Auswärtigen Amt gibt? Ich habe heute Morgen eine Konferenz im Rathenau-Saal gehabt.“ Das Protokoll vermerkt Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und der Grünen.

Stegner kommt nicht ohne NS-Keule aus

Ob die Lacher um Rathenaus und Stresemanns Bedeutung wußten?  Amthor griff die Vorlage mit dem Geschick des Winkeladvokaten auf. Herrn Gaulands Unkenntnis über die Raumsituation im Auswärtigen Amt sei beruhigend. Es sei „gut für das Interesse und für das Wohl der Bundesrepublik Deutschland, daß AfD-Politiker nicht so oft im Auswärtigen Amt verkehren, liebe Kolleginnen und Kollegen“. Nochmals Applaus von fast allen Seiten.

Und weiter im Text: „Bei der Frage der Gerechtigkeit ist es so, daß Sie über Verletzungen des Völkerrechts schwurbeln und keine Empathie für die Ukraine haben, und deswegen ist es klar: Sie wollen sich außenpolitisch in eine Reihe mit Bismarck stellen, aber Sie sind in Wahrheit autokratentreue Populisten ohne jedes Wertefundament.“ Natürlich begriff die Mehrheit im Auditorium nicht, wie grotesk es war, Bismarck für eine verbissene Gesinnungsethik in Anspruch zu nehmen. Erneut spendete sie begeisterten Applaus.

Für die Grünen stieg der 28jährige Sozialwissenschaften-Bachelor Max Lucks in den Ring, nur um zu erklären, daß er „seine restliche Redezeit dem Parlament schenken (wolle), weil es Wichtigeres gibt als identitäre Bullshit-Bingo-Debatten von rechts außen“. Für die SPD sprach Ralf Stegner, der immerhin in der Vergangenheit dafür plädiert hatte, mit Rußland im Gespräch zu bleiben. Doch die Erwartung, er würde Substanz in die Debatte bringen, wurde enttäuscht. „Daß Sie ausgerechnet im Parlament, dem Sitz der Volksvertretung, jemanden herausheben wollen, dessen Verachtung für den pluralistischen demokratischen Staat da gewesen ist, das finde ich schon bemerkenswert“, giftete er in Richtung AfD. „Man kann ja schon froh darüber sein, daß Sie nicht einen Horst-Wessel-Saal haben, in dem Sie tagen.“

Niveau im Bundestag ist beschämend

Vinzenz Glaser von den Linken, ein gelernter Sozialarbeiter, wollte lieber über Rentnerarmut sprechen. „Die AfD vergeudet unsere Zeit für die Wiederumbenennung eines Raums zu Ehren Bismarcks, der die arbeitenden Menschen unterdrückt hat und dessen Sozialgesetze nur dazu dienten, die arbeitende Bevölkerung zu spalten.“

Auf diesem Narren-Niveau wird im bundesdeutschen Parlament über den fähigsten deutschen Außenpolitiker und über außenpolitische Grundsatzfragen diskutiert. Die Kluft zwischen Wirklichkeit und Erkenntnis, zwischen objektiven Anforderungen und der subjektiven Befähigung, ihnen gerecht zu werden, könnte größer nicht sein. So degenerieren auch die Beschwörungen der „Zeitenwende“ zum Geschwätz. Das Land in den Händen einer Narren-Auslese zu wissen, muß angst und bange machen.

One thought on “Einen Bismarck brauchen wir und keinen Wadephul

  1. Das Deutsche Reich Bismarcks war von Anbeginn eine Fehlkonstruktion bezüglich des Systems der Erbmonarchie. Als 1888 Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich III. starben, begann auch das Deutsche Reich zu sterben. Denn es kam ein Mann zur Regentschaft, den der eigene Vater als „unreif und vorschnell im Urteil“ abqualifizierte. Ein steuerbarer Caprivi, der auf Anweisung Wilhelms II. den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht verlängerte, war Wilhelm II. deutlich näher als ein realpolitischer Bismarck. Denn der verträumte Wilhelm II. sah in diesem Vertrag einen Verrat am Zweibund mit Österreich. Die völlige Unkenntnis Wilhelms II. der Außenpolitik des Reiches lag aber auch an dem System der Ermonarchie selbst. Der Kronprinz Friedrich, bereits totkrank, beschwerte sich bei Bismarck, weil dieser 1887 versuchte, Wilhelm in die Regierungsgeschäfte einzuführen. Denn wer die außenpolitischen Mechanismen des Staates beherrscht, kann auch den Herrscher stürzen und regieren. So haben die Monarchen zu Lebzeiten immer aufgepaßt, dass ihre Nachfolger möglichst wenig von der Außenpolitik verstehen. Dieses Lotteriespiel von Herrschaft, Erbmonarchie genannt, konnte nun auf Dauer nicht gutgehen. Denn kein Monarch kann garantieren, dass er fähige Nachfolger zeugt. Und zuletzt hat auch das Erstgeburtsrecht häufig genug zu Katastrophen geführt. Wer weiß nun, was geschehen wäre, wenn auf Friedrich Wilhelm I. nicht Kronprinz Friedrich sondern Prinz Heinrich König geworden wäre…

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