Dieser Beitrag erschien zuerst auf den Seiten der Akademie Europa Aeterna, Wien.
„Darum legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt! Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!“ – Epheser 6,13–17
In dem 1962 erschienenen Aufsatz „Tugend heute“ schrieb Dietrich von Hildebrand: „Im Vergleich zu dem, was immer gleich bleibt, ist das, was wechselt, sekundär.“ Von Hildebrand kritisiert die Überbewertung des geschichtlichen Wandels, den Irrglauben an die Überlegenheit der eigenen Zeitepoche und an den Fortschritt im Moralischen. Gefährlicher noch als der Glaube an den Fortschritt sei der historistische Relativismus, weil er „das Wesen selber der Wahrheit und Werte aushöhlt“. Von Hildebrand fordert die „Haltung dessen, der aus der Zeit immer wieder emportaucht zur Welt der Wahrheit und der wahren sittlichen Werte“.1
Eine sittliche Grundhaltung, die zu allen Zeiten und in allen Kulturen – und keineswegs nur im Mittelalter – gelebt worden ist, ist die Haltung der Ritterlichkeit. Sie gibt eine Antwort darauf, was vom Mann in seinem Wesen sittlich gefordert ist. Heute pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass wir eine „Krise der Männlichkeit“ erleben. „Woke“ Zeitgenossen sprechen von „toxischer Maskulinität“ und machen die Männer pauschal für Umweltzerstörung, Gewalt und Kriege verantwortlich. Der Mann soll die guten Eigenschaften des Weiblichen verkörpern, ohne deswegen zu verweichlichen. Die Frau hingegen soll sich männlichen Idealen anpassen, sich durchsetzen, Karriere machen und in Führungspositionen aufsteigen. Die Verwirrung im Verhältnis der Geschlechter zueinander und im Verhältnis der Männer zu ihrer eigenen Männlichkeit ist groß. Man sollte in dieser Situation, wie von Hildebrand es fordert, aus den Niederungen der Zeit emportauchen zu dem archetypischen Ideal des ritterlichen Mannes. Dabei kann einer der „Briefe über Selbstbildung“, die Romano Guardini 1920/21 schrieb, eine große Hilfe sein. Der Titel des Briefes lautet: „Vom ritterlichen Manne“.
Die Tugenden des Mannes
Guardini unterscheidet in diesem Brief drei „Reiche“ des Mannes: das Spiel, den Dienst und das Werk. Kennzeichnend für das ritterliche Spiel ist eine Haltung der Fairness auch dem Gegner gegenüber. Im Grunde ist der Gegner nicht Feind, sondern viel eher Partner:
„Der richtige Spieler will über den Gegner siegen. Aber zugleich fühlt er sich in Gemeinschaft mit ihm und will ein starkes, schönes, ernstes und zugleich fröhliches Werk mit ihm aufbauen, eben das Spiel.“
Den ritterlichen Mann beseelt ein fester Wille zum Sieg, aber ohne jede Hinterlist. In Spiel und Wettkampf werden die Tugenden des Mannes kultiviert: Mut, Zucht, Vornehmheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Neidlosigkeit, gerade auch dem Gegner, ja dem Feind gegenüber. Das gilt nicht zuletzt auf dem Feld der Politik, denn hier ist der Respekt vor dem Gegner besonders wichtig.
Im zweiten „Reich“ des Mannes, dem ritterlichen Dienst, dient der Mann nicht sich selbst oder seinem Wohlbehagen, sondern einer großen Sache – nicht um des Lohnes oder Ruhmes willen, sondern um der großen Sache selbst gerecht zu werden. Dabei muss man zuverlässig, verschwiegen und hilfsbereit sein. Ritterlichen Dienst schuldet der Mann der Frau, dem Schwachen, besonders aber Gott und seinem Reich. Guardini stellt heraus, dass man im ritterlichen Dienst für die Sache einstehen muss, auch wenn es Nachteile mit sich bringt. Schließlich das Werk des Mannes. Dabei geht es nicht nur um extrinsische Güter wie Geld, Macht, Ansehen, sondern um das, was die Sache selbst fordert. In der Fixierung auf extrinsische Güter wird das Werk zur bloßen Verrichtung. Wenn Guardini das Werk fordert, dann meint er damit aber nicht, dass man ein idealistischer Schwärmer werden sollte. Er macht deutlich, dass man sich auch durchsetzen und das eigene Recht einfordern können muss.
In Spiel, Dienst und Werk muss einer ein Mann sein, das heißt:
„Er muß sicher in sich selber stehen, fest gegenüber allem Wirren ringsum, klar den Blick haben, unbeirrbar den Willen, frei das Herz.“
Es heißt nicht, das sei nochmals betont, ein weltfremder Schwärmer zu sein, sondern auch, für den eigenen Erfolg zu kämpfen:
„[S]ich durchsetzen, ohne Gewalttätigkeit, aber entschlossen; ohne anderen Unrecht zu tun, aber unbeirrbar, das gehört zum rechten Mannestum.“
Der ritterliche Mann kann den Anderen gelten lassen, auch in seiner Verschiedenheit. Das ist eine Voraussetzung echter Gemeinschaft, nicht zuletzt der Politik:
„Politik ist Zucht. Ist die hohe Kunst, entschlossen und zäh, zugleich aber in Ehrfurcht vor der fremden Überzeugung für das Wohl aller zu arbeiten. […] Denn mit Gewalt eine einseitige Meinung durchzusetzen, ist ebenso wertlos, wie mit Charakterlosigkeit und List eine scheinbare Einheit herzustellen.“
Im Grunde steht der ritterliche Mann in einer letzten Einsamkeit, ohne vor sich davonzulaufen oder sich für die Anderen zu verbiegen. Er steht zu sich, auch zu seinen Fehlern. Er akzeptiert sein ureigenes Schicksal. Auch seiner Sendung bleibt er treu. Doch auch wenn der ritterliche Mann einsam ist unter den Menschen, hat er stets Gott an seiner Seite:
„Gott gibt die Kraft, unser Wesen zur Freiheit und Vollkommenheit zu gestalten; die Kraft, das Schicksal zu bezwingen; die Kraft, die Sendung auszuführen.“
Daniel Zöllner (Baden-Württemberg)
» Romano Guardini: „Vom ritterlichen Manne“, in derselbe: Briefe über Selbstbildung
- Geist und Leben 35, Heft 2; siehe Text im Orginal ↩︎

