Harald Martensteins Plädoyer gegen ein AfD-Verbot im Hamburger Thalia Theater geht viral. Der Kolumnist bekommt Millionen Klicks und erntet viel Lob. Kritik gibt es bisher so gut wie nicht.
Ein Beitrag aus der Jungen Freiheit vom 16.2.2026
HAMBURG. Das Plädoyer des Journalisten Harald Martenstein beim Schau-„Prozeß gegen Deutschland“ für eine Ablehnung des AfD-Verbots im Hamburger Thalia Theater hat in den sozialen Medien ein begeistertes Echo ausgelöst. Das Video davon wurde zahlreich geteilt und erreicht Millionen Menschen.
Der langjährige Zeit– und heutige Welt– und Bild-Kolumnist hatte das Argument, mit einem Verbot der AfD die Demokratie zu retten, gegen dessen Verfechter gewendet. Deutschland würde sich vielmehr in ein „autoritäres Regime“ verwandeln: „Tatsächlich war diese Begründung, wir retten die Demokratie, historisch gesehen eine der beliebtesten bei denen, die sie abgeschafft haben.“ Die gesamte Rede können Sie hier nachlesen.
In dem Theater wird ein Verbotsverfahren gegen die AfD simuliert. Sowohl Befürworter als auch Gegner treten auf. Am Ende soll ein Gericht um die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) entscheiden. Martensteins Rede erntete im Thalia wenig Beifall und einige Buhrufe. Eine Zuschauerin zeigte dem 72jährigen sogar den Mittelfinger.
„Gut, daß Deutschland einen Martenstein hat“
Umso euphorischer waren dagegen die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Die Deutschland-Redakteurin der Neuen Zürcher Zeitung, Beatrice Achterberg, kommentierte auf X: „Gut, daß Deutschland einen Harald Martenstein hat.“
Der frühere mecklenburg-vorpommersche Finanzminister und SPD-Fraktionsvorsitzende Mathias Brodkorb lobte auf X: „Eine Rede wie ein Denkmal. Sollte Martenstein mal einen Staat gründen, mache ich mit.“ Brodkorb hat sich inzwischen als Verfassungsschutz-Kritiker und Cicero-Kolumnist einen Namen weit über das nordostdeutsche Bundesland hinaus gemacht.
Der Finanzexperte Markus Krall meinte, Martenstein „hat eine Jahrhundertrede gehalten“.
„Wir verneigen uns vor Harald Martenstein“
„Unbedingt lesen“, empfahl der ehemalige FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg seinen Followern, als er das Manuskript teilte: „Das linksgrüne Publikum erfuhr durch Martenstein, wie linksgrüne Intoleranz sich äußert.“
Als „epische Rede eines Konservativen“ bezeichnete der frühere Spiegel-Kulturchef und heutige JF-Autor Matthias Matussek das Plädoyer: „Wir verneigen uns vor Harald Martenstein.“
Der liberale Publizist Rainer Zitelmann, der seit Jahrzehnten FDP-Mitglied ist, äußerte sich etwas zurückhaltender, aber ebenso positiv: „Man muß kein AfD-Fan sein, um dieser Rede in weiten Teilen zuzustimmen.“
Kritische Stimmen gibt es bisher so gut wie keine. Weder CDU-Politiker noch das rot-grün-rote Lager haben sich bisher zu Martenstein geäußert. Möglich ist aber, daß in den kommenden Tagen ein Shitstorm folgt. Das Thalia Theater selbst hat auf seinem Youtube-Kanal, wo das Video vom gesamten ersten Tag bis jetzt verhältnismäßig wenige 40.500 Aufrufe bekam, die Kommentarfunktion ohne Angabe von Gründen inzwischen deaktiviert und alle Kommentare gelöscht.
Linker Soziologe bedauert Teilnahme
Bei Befürwortern des AfD-Verbots herrscht dagegen bisher offenbar Schockstarre. Linke Medien berichten nicht über die Rede des Publizisten. Einer, der im Thalia die Pro-Seite vertrat, ist der Soziologe Andreas Kemper, der das Buch „Rechtspopulismus kann tödlich sein“ veröffentlicht hat. Er bedauert nun, wegen des enormen Zuspruchs für Martenstein überhaupt an dem Schauprozeß teilgenommen zu haben.
Auf der Plattform Bluesky schreibt Kemper: „Die Rechten haben jetzt Videos von Martenstein. Das hätten sie auch gehabt, wenn ich individuell abgesagt hätte. Ein gemeinsamer Rücktritt mit drei oder vier Personen auf der Bühne hätte vielleicht etwas bewirken können. Dafür habe ich geworben.“ (fh)

