
von Stephan Ehmke
Am 10. März vor 250 Jahren wurde als Tochter des Mecklenburgischen Herzogs Karl die nachmalige Königin Luise von Preußen und Gemahlin König Friedrich Wilhelms III. geboren. Sie kam in Hannover zur Welt, wo ihr Vater Statthalter des Kurfürsten war, der in Personalunion auch den Thron von Großbritannien innehatte und in London residierte.
Frühere Generationen der deutschen Jugend kannten ihren Lebenslauf auswendig. Das Leben der „Preußischen Madonna“, der Genia der Befreiungskriege, aufopfernde Patriotin, treue Ehefrau und hingebende Mutter, die im Alter von nur 34 Jahren ihr Leben nach den Strapazen der Schicksalsjahre nach der Katastrophe von Jena und Auerstedt aushauchte.
Wir glauben, dass all dies auch unserer Leserschaft recht gut bekannt ist und werden deshalb anlässlich des Jubiläums an die Stelle der Wiedergabe des ausführlichen Lebenslaufes der Königin einige persönliche Anmerkungen stellen.
Wir stehen zunächst am Grabmal der Königin in dem Gentzschen Mausoleum, das sich im Schloßpark zu Berlin- Charlottenburg befindet. Der Autor dieser Zeilen räumt ein, dass er als junger Mensch seine Tränen kaum zurückhalten konnte, als er, tief erschüttert, erstmals vor dem Grabmonument der Königin stand, deren Marmorbildnis, von Christian Daniel Rauch geschaffen, zum Schönsten gehört, was die deutsche Bildende Kunst hervorgebracht hat. Sie ruht, als Schlafende dargestellt, an der Seite ihres Mannes Friedrich Wilhelm III. Vor ihnen stehen die Sarkophage ihres Sohnes, des späteren Kaisers Wilhelm I., und dessen Gemahlin, Kaiserin Augusta. Wer einmal dort gewesen ist, wird die weihevolke und feierliche Atmosphäre empfunden haben.
Bei den Soldaten des Befreiungskrieges ging die Erzählung um, die Königin sei gar nicht gestorben, sondern man habe sie nur vor dem Ungeheuer Napoleon in Sicherheit gebracht und versteckt. Wer wollte ihnen widersprechen? Doch war Luises irdischer Körper auch dahin, ihr unsterblicher Genius schwebte auf den Stirnen der Helden von 1813.
Körner besang die Königin in seinen Liedern. Ihr Opfer als „Märtyrerin für das Vaterland“ gelte es zu rächen. Ihr Bildnis sollte die Fahnen aller Freikorps schmücken. Der alte Fürst Blücher, so sagt man, habe nach der Besetzung von Paris 1815 von den Höhen des Montmartre hinabgerufen: „Nun ist es vollbracht, die Königin ist gerächt!“
Wohl war sie es wert, dass der Minnesang in der Tradition des Deutschen Mittelalters die Verewigte verherrlichte. Luise war der Antrieb des Widerstandes gegen die Fremdherrschaft. Das Volk verehrte sie, seitdem sie 1793 als junge Kronprinzessin, deren Schönheit weit gerühmt wurde, nach Berlin gekommen war. Mit ihrem Mann, dem König, und ihren Kindern lebte sie das unprätentiöse und bescheidene Leben einer bürgerlichen Familie, ohne den üblichen höfischen Zwang. Auch der preußischen und deutschen Mutter wurde sie zum Vorbild. In 17 Ehejahren gebar sie 10 Kinder, von denen 7 überlebten. Zwei Söhne wurden Könige, einer Kaiser, eine Tochter russische Zarin. Fast alle heutigen europäischen Königshäuser zählen zu Luises Nachkommenschaft.
Die Zeit vor der Katastrophe von Jena und Auerstedt waren glückliche Jahre. Danach lebte Luise vor allem für ihr geschundenes Vaterland und das unterdrückte Volk. Die Strapazen der Schwangerschaften und der wochenlangen Flucht nach Ostpreußen zehrten an ihren Kräften. Erhard Bödecker, der Gründer des Brandenburg-Preußen-Museums in Wustrau, ließ ein Gemälde von der Königin anfertigen wie sie, jenseits der idealisierenden Darstellungen jener Zeit, wohl wirklich ausgesehen haben mochte. Immer noch schön, natürlich, aber eben auch gezeichnet.
Luises patriotischer Geist war gleichwohl ungebrochen. Sie riss alle mit, auch ihren Mann, den König, der als Zauderer galt. Friedrich Wilhelm III. war ein grundehrlicher, gottesfürchtiger und bodenständiger Mann, seiner Frau treu und mit unendlicher Bewunderung ergeben. Doch fühlte er sich auch an die Verträge gebunden, die er für Preußen mit Frankreich abgeschlossen hatte, auch wenn dies zum schweren Nachteil seines Landes geschehen war. Luise – im Bunde mit Hardenberg – trieb ihn zum bewaffneten Widerstand, der freilich im Oktober 1806 zur schweren Niederlage führte.
Wenige Tage vor Jena und Auerstedt war bei Saalfeld ein Seelenverwandter Luises gefallen: Ihr Cousin Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der junge und schöne Held, ein Ritter von Statur und Geist, dabei musisch hochbegabt wie sein Oheim Friedrich der Große, Frauenschwarm und Reiteroffizier. Das Schicksal wollte es, dass auch er zu einer Fackel des Befreiungskrieges wurde, betrauert und besungen als Vorbild für die vielen Helden, die nach ihm kamen.
Tilsit wurde der Ort des größten Ruhmes der Königin. Zar Alexander schmolz vor ihr dahin, Kaiser Napoleon zeigte sich von ihrer geistvollen Anmut überrascht und von ihrem Charme berührt, doch verlor er die Distanz nie ganz. Historiker sagen, dass Luise die Rolle der Frau des Königs zu keiner Zeit verließ und etwa zur Politikerin geworden wäre. Und es waren auch die Waffen der Frau, die sie – natürlich nur bis zu einer gewissen Grenze – einsetzte, um ihrem Vaterland die schwerste Demütigung zu ersparen. Napoleon meinte, wäre die Königin zu einem früheren Zeitpunkt bei den Verhandlungen erschienen, hätte er vielleicht nachgegeben, nachdem sie aber da war, drang er auf einen schnellen Abschluss, weil er fürchtete, doch noch „weich“ zu werden.
Auch wenn Luise den so genannten „Frieden“ von Tilsit (der nichts war als ein Diktat wie Versailles 1919) nicht mildern konnte, wurde sie nunmehr zur treibenden Kraft des Widerstandes. Der Sturm von 1813 wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Als Inspiration und Genius beseelte Luise auch die preußischen Reformer, allen voran Hardenberg, dem sie besonders verbunden war, und die in den Jahren nach 1807 den militärischen, bildungsmäßigen, finanziellen und organisatorischen Grund für die Erhebung legten.
Luise selbst sollte die Befreiung ihres preußischen Vaterlandes und Deutschlands nicht mehr erleben. Körperlich aufgezehrt, doch geistig ungebrochen, starb sie auf dem elterlichen Schloß Hohenzieritz am 19. Juli 1810 an einer Lungenentzündung, tief betrauert von Mann, Kindern und der Nation. Den Soldaten des Freiheitskrieges aber schwebte ihr Geist in den Schlachten bis Belle Alliance voran. Der König stiftete am 10. März 1813 den Orden des Eisernen Kreuzes zum Gedenken an die geliebte Frau, der von da ab zum Sinnbild preußisch-deutschen Soldatentums mit seinen Tugenden Ritterlichkeit, Tapferkeit, Treue und Kameradschaft wurden.
Der Leichnam der Königin wurde unter allergrößter Anteilnahme des Volkes nach Berlin überführt. In Gransee, auf dessen Marktplatz der Katafalk der Königin eine Nacht über rastete, ließen die Bürger der Stadt nach Genehmigung durch die König auf eigene Kosten ein schönes Denkmal errichten, das der große Schinkel entworfen hatte.
Nachdem im Charlottenburger Schlossgarten das von Gentz gebaute Mausoleum fertig geworden war, fand die Hohe Frau, Preußens geliebte und verehrte Königin, das Licht Deutschlands in höchster Not, ihre letzte Ruhestätte.
Dieser Ort, wie zahlreiche andere, wo Luise gelebt und gewirkt hatte und wo sie starb, sind in den Jahren nach ihrem Tod für Generationen von Deutschen zu vaterländischen Weihestätten geworden. Die Luisenverehrung, die sich in Wort und Bild, Denkmal, Bünden und Feiern bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ungebrochen erhalten hatte, verblasste nach der Zerschlagung Preußens. Heute sind es glücklicherweise noch viele Patrioten, die das Gedenken an unsere Heldenkönigin bewahren. Und wie nötig haben wir es!
Sie, verehrte Leser dieser Zeilen, seien aufgerufen, Ihren Kindern und Enkeln von der Verewigten zu erzählen. Schöne Literatur dazu gibt es immer noch reichlich. Und besuchen Sie ihr Grab in Charlottenburg. Wenn dabei dann einige Tränen die Wangen herunterrollen, so ist das ganz in der Ordnung.
Wir aber schließen mit dem Ruf im Gedenken an Königin Luise von Preußen:
„EWIG LEBT DER TOTEN TATENRUHM!“
Bild: Luise von Preußen. Gemälde von Josef Matthias Grassi, 1802.


Es ist sehr schön, dass Sie an diese große Frau unseres Volkes erinnern. Danke.