Buchbesprechung: Die Philosophie Friedrichs des Großen

Wolfgang Muff,  „Die Philosophie Friedrichs des Großen“. Verlag E.S. Mittler & Sohn, Berlin, 1944, 44 Seiten. Antiquarisch erhältlich. Preis zirka 16 €.

Friedrich II. Preußen, genannt der Große (1712 bis 1786, regierte ab 1740), war eine der herausragenden geistigen Größen der europäischen Geschichte.

Friedrich vereinigte Begabung mit höchster Bildung, Charakterfestigkeit und Willensstärke, die sich auch in seiner Jugendzeit durch die sehr harte Erziehung von Seiten seines Vaters, Friedrich Wilhelms I., des Soldatenkönigs, herausbildete. Legendär ist auch Friedrichs musische Veranlagung, die sich insbesondere in seinem virtuosen Flötenspiel äußerte. Für dieses Instrument komponierte der spätere König auch einige viel beachtete und heute noch aufgeführte Konzertstücke.

Friedrich war Feldherr und Staatsmann, der Preußen in drei Kriegen zwischen 1740 und 1763 territorial erheblich erweiterte, um sich danach dem inneren Landesausbau intensiv zu widmen.

Der viel belesene König galt auch als Philosoph auf dem Königsthron. Seit seiner Jugend beschäftigte sich Friedrich sehr intensiv mit der Philosophie der griechisch-römischen Antike und kam, vor allem durch die Bekanntschaft mit dem französischen Denker Voltaire, mit den Gedanken der europäischen Aufklärung in Verbindung.

Nach eigenen Zeugnissen war es auch die Philosophie, die Friedrich in den schweren Zeiten des Krieges Trost und Halt wurde, aber auch wenigstens zum Teil sein politisches Handeln bestimmte.

Wolfgang Muff untersucht in seiner Broschüre „Die Philosophie Friedrichs des Großen“, ob das philosophische Denken des Königs eine Systematik aufweist und inwieweit sie eine Entwicklung durchmachte.

Hierfür legt der Autor dreierlei Quellenmaterial zugrunde: Friedrichs Lesestoff, seinen persönlichen und brieflichen Verkehr so wie seine eigene schriftstellerische Tätigkeit.

Die großen Denker der Antike hatte der König sehr stringent durchdacht und verinnerlicht, er las aber auch zeitgenössische philosophische Literatur. Dies – nach der Mode der Zeit – fast ausschließlich in französischer Sprache. Deutsche Autoren ließ er sich ins Französische übersetzen.

Bei der Auswahl der Literatur war Friedrich der Große weitgehend selbständig, doch kann man davon ausgehen, dass Voltaire, mit dem Friedrich Fast 30 Jahre in zeitweise regelmäßigem Verkehr stand, ihn deutlich beeinflusste.

Immer drängte es den König auch dazu, seine eigenen Gedanken schriftlich festzuhalten. So entstand eine Reihe philosophischer Abhandlungen, die zum Teil auch anonym im Druck erschienen.

Aber auch seine sonstigen Schriften, die politischen und pädagogischen, allen voran der berühmte „Antimachiavell“, zeigen Friedrichs durchdachte philosophisch-wissenschaftliche Methode.

Muff zeigt auf, das Friedrich über die Jahre nicht auf einem festgefügten Standpunkt verharrte, sondern eine deutliche Entwicklung durchlief. Maßgeblich dafür war sein in seiner Persönlichkeit grundgelegter Skeptizismus, der sich gegenüber jeder dogmatisch verkündeten Wahrheit, sei sie religiös oder philosophisch, äußerst kritisch verhielt.

Bei aller Wandlungsfähigkeit hielt Friedrich, so Muff, an zwei Grundsätzen lebenslang fest:

  1. Nichts für wahr zu halten, als das, wovon man sich klar überzeugt hat.
  2. Nach dem, was einem zur klaren Überzeugung geworden ist, folgerichtig zu handeln.

Zunächst hatte sich Friedrich der idealistischen Richtung der von Leibniz ausgehenden und von Wolff weiterentwickelten Philosophie angeschlossen, wonach Welt und Kosmos durch einen vernunftgeleiteten Geist bestimmt werden und deren Gesetzmäßigkeiten durch das menschliche Denken und mit Hilfe der dem Menschen innewohnenden Denkgesetze erkannt werden können. Unter Voltaires Einfluss wandte er sich dann aber der von dem Engländer John Locke vertretenen Denkschule des reinen Empirismus und Skeptizismus zu. Grundlage der Erkenntnis war jetzt allein die Erfahrung und die Weiterverarbeitung derselben durch menschliche Vernunft und Verstand.

Doch machte Friedrich weder die Entwicklung zum krassen Atheismus der französischen Materialisten mit, noch findet er eine Beziehung zur romantischen Naturlehre eines Rousseau. Der immer wieder durchdringende Skeptizismus führte den König schließlich aber zur Resignation über die Möglichkeit des Wahrheitserkennens überhaupt, freilich ohne das ernsthafte Suchen nach der Wahrheit und das Bemühen um die weitgehendste Annäherung an dieselbe jemals aufzugeben.

Schließlich konnte, so Muff, die englische und französische Aufklärung den preußischen König nicht mehr befriedigen. Es drängte ihn dazu, vom Denken zum Handeln zu schreiten. Tat und Pflicht wurden ihm von da an die höchsten Maximen. Philosophisch wandte er sich wieder mehr der Antike zu und wurde schließlich ein Anhänger der Stoiker, vor allen Dingen durch das Studium der Schriften des römischen Kaisers Marc Aurel, den er in Schriften auch als Staatsmann und Herrscher sein Vorbild nannte.

Die stoische Haltung ist aber geprägt durch die Erkenntnis, dass der Mensch die im Göttlichen verborgene, letztendlich gültige Wahrheit nicht erkennen kann, sondern sich in den Lauf des unveränderlichen Schicksals zu ergeben hat. Dies bedeutet freilich nicht, sich im fatalistischen Nichtstun oder Resignieren zu ergehen, sondern im Gegenteil sich stets zu bemühen, das zu erkennen, was der Mensch selbst verändern kann, das aber, was er nicht verändern kann, in Ruhe und Duldsamkeit zu ertragen. Die Weisheit besteht nun darin, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Dieses Denken äußerte sich bei Friedrich dem Großen nun im Pflicht- und Tatgedanken. An der Spitze dieser Auffassung stand das Selbstverständnis des Königs als der erste Diener der Gemeinschaft, des Staates, der ausschließlich dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Die erkannte Pflicht zu tun, darin bestand für ihn nun die letztendliche Verwirklichung der Glückseligkeit im menschlichen Leben.

Diese Pflichtethik, die typisch preußisch werden sollte, hat dann später der große Kant in seinen Kategorischen Imperativ eingegossen. Friedrich übertrug das Denken von Pflicht und Tat auf jeden seiner Untertanen, insbesondere auf den Adel. Verbunden war damit die Einfachheit und Askese der Lebensführung, die Friedrich der Große bereits bei seinem Vater, dem Soldatenkönig, kennengelernt hatte. Für den Staat aber folgte daraus die Forderung nach Straffheit, Effizienz und Sparsamkeit.

Inwieweit Friedrich der Große sich zu einem bestimmten Gottesbegriff durchringen konnte, wird nach Muff nicht deutlich. Sicherlich aber könne er nicht als reiner Atheist verstanden werden. Dennoch bleiben Friedrichs diesbezüglichen Auffassungen auch in seinen Schriften undeutlich. Klar ist jedoch, das Friedrich jeder geoffenbarten Religion mit äußerster Skepsis gegenüberstand. Dies gilt auch für das Christentum. Dennoch erkannte er den hohen Wert der Religion für das Volk an. Nirgendwo trat er dem Christentum, jedenfalls öffentlich, entgegen. Im Gegenteil, es gab keinen König in der Geschichte Preußens, der so viel Kirchen hat bauen lassen, wie Friedrich der Große.

Die Sittenlehre des Christentums aber schätzte Friedrich hoch ein, was sich insbesondere in seiner Mild- und Wohltätigkeit sowie seinem Gerechtigkeitssinn gegenüber den einfachen Untertanen äußerte.

Aus seiner Skepsis gegenüber der Verbindlichkeit einer geoffenbarten Religion folgte Friedrichs Toleranz gegenüber den Konfessionen, die in der Geschichte sprichwörtlich geworden ist und die sich in dem berühmten Satz zusammenfassen lässt: „Bei mir soll jeder nach seiner Fasson selig werden“. So ließ Friedrich, in Anbetracht seiner katholischen Untertanen, als erster Fürst nach der Reformation in Preußen wieder eine katholische Bischofskirche in Berlin errichten, den Hedwigsdom.

In seinen letzten Lebensjahren verstärkte sich die stoische Haltung Friedrichs des Großen bis zum Äußersten, was sich auch in einer fortschreitenden Menschenscheu ausdrückte. Er selber wurde allen Äußerlichkeiten abhold, einschließlich seiner eigenen äußeren Erscheinung, auf die er immer weniger Wert legte.

Zahllose Anekdoten berichten über die anspruchslose Lebensführung Friedrichs des Großen. Dass er seit Beginn des ersten Schlesischen Krieges nur noch einen einfachen Uniformrock trug, dessen einziger Schmuck der Schwarze-Adler-Orden war, und dass er im Schloss Sanssouci nur auf einem einfachen Feldbett schlief, wurde volkstümliche Überlieferung. Nur wenige Menschen umgaben den Philosophen auf dem Königsthron in seinen letzten Lebensjahren. Friedrich der Große starb schließlich, in Anwesenheit nur seines Leibdieners und eines Arztes, in einem Lehnstuhl liegend. Nach Irrwegen ruhen seine sterblichen Überreste seit 1991 an der Stelle, wo er als Philosoph begraben werden wollte, auf der Terrasse des Schlosses Sanssouci in Potsdam.

Wolfgang Muffs kleine Broschüre bietet einen guten und leicht verständlichen Überblick über die Entwicklung des philosophischen Denkens Friedrichs Großen von seinen frühen Jahren bis in sein hohes Alter. Allen Verehrern des Großen Königs, aber auch allen anderen allgemein an preußischer Geschichte Interessierten, sei dieses kleine Werk zur Lektüre sehr empfohlen.

Stephan Ehmke

One thought on “Buchbesprechung: Die Philosophie Friedrichs des Großen

  1. Ohne anmaßend sein zu wollen: In der Entwicklung des großen Freidrich erkenne ich alter Mann mich wieder.
    Dank+beste Grüße
    Ihr Wolfram Baentsch

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