Vor 160 Jahren – Preußen und Österreich rüsten

von Stephan Ehmke

Im Mai 1866 liefen die Rüstungen in Preußen und Österreich auf Hochtouren – der „Deutsche Krieg“ kündigte sich an, mit ihm die Lösung der seit Jahrzehnten schwelenden „Deutschen Frage“, wer nämlich von den beiden Staaten die Führungsrolle in Deutschland übernehmen sollte.

Das Einvernehmen Preußens und Österreichs im Deutschen Bund war längst dahin. Vergessen die „Heilige Allianz“ der Mächte im Befreiungskampf gegen den Usurpator Napoleon, vergessen auch das gemeinsame Handeln in der Reaktionszeit gegen die nationalen und liberalen Tendenzen der politischen Romantik.

Die Ereignisse der Revolution von 1848 trafen Preußen und Österreich gleich unvorbereitet. Letztes jedoch war erheblich gefährdeter als das erstere, denn Habsburgs Vielvölkerstaat begann unter dem aufsteigenden Nationalismus zu zerbrechen. Zwar scheiterte die damalige Revolution in Deutschland an ihrer eigenen Unfähigkeit und Uneinigkeit, doch die daraus resultierenden Entwicklungen waren nicht mehr aufzuhalten.

Preußen wie Österreich wurden Verfassungsstaaten. In beiden gärte die Frage, wie es weitergehen sollte mit Deutschland. Der Deutsche Bund, das Ergebnis des Wiener Kongresses von 1815, konnte den Tendenzen der Modernisierung nicht mehr standhalten. Reformbemühungen, die insbesondere von den hochkonservativen Kräften unternommen wurden, mussten scheitern[1]. Der aufstrebende Nationalliberalismus wollte ein neues Deutsches Reich auf Verfassungsgrundlage, freilich anknüpfend an alte Traditionen.

Doch wie sollte dieses neue Reich territorial aussehen? Wie groß würde es sein und wer sollte es führen? Den deutschnational Gesinnten war klar, dass, wenn überhaupt, zu diesem Reich nur der deutsche Teil Österreichs gehören konnte und Preußen der Favorit für die Führung war. Ungarn und die anderen Balkanvölker mussten ausscheiden, ebenso Habsburgs Gebiete auf italienischem Boden.

Die Reaktion in Österreich stemmte sich verzweifelt wie vergebens dagegen an. Allein die Monarchie und Kaiser Franz Josef I. waren das Band, das alles noch zusammenhielt. In Wien war man sich darüber einig, dass ein Krieg gegen Preußen unvermeidlich war. Ein Sieg würde vielleicht das Habsburgerreich noch einmal stabilisieren können.

Auch in Preußen sah man eine militärische Lösung der „Deutschen Frage“ als ausgemacht an. Bemühungen für eine friedlichen Lösung wurden auch dort kaum noch ernsthaft ins Auge gefasst. 1849/50 versuchten Preußen und die norddeutschen Staaten, vollendete Tatsachen herzustellen. Aus der „Erfurter Union“ heraus sollte ein „Kleindeutsches Reich“ ohne Österreich entstehen. Doch nicht nur Wien, sondern auch andere europäische Mächte stellten sich dagegen. In der schmachvollen „Olmützer Punktation“ (November 1850) musste Berlin seine Pläne aufgeben.

1861 begann in Preußen die „Neue Ära“. Unter Wilhelm I. wurde ein Mann Ministerpräsident, der bezüglich Preußen und Deutschland klare Vorstellungen hatte. Er wollte einen deutschen Nationalstaat unter Preußens Führung, der Österreich-Ungarn ausschloss. Und der strebte die Umsetzung seiner Pläne mit militärischen Mitteln an.

Der erste Schritt war die Reform des preußischen Heeres, die seine erhebliche Erweiterung, Modernisierung und die dreijährige Wehrpflicht vorsah. Bismarck setzte das gegen das preußische Parlament und gegen die Verfassung durch. Die Gelegenheit zum Bruch mit Österreich, gegen den sich der König zunächst auflehnte, sah der Ministerpräsident gekommen, als sich der Konflikt mit Dänemark 1863 entspann.

Die nationalliberale Regierung in Kopenhagen versuchte in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 1848, sich das Herzogtum Schleswig, das bis dato nur in Personalunion zusammen mit dem Herzogtum Holstein mit der dänischen Krone verbunden war, einzuverleiben. 1850 war man gescheitert, doch nun erhoffte man sich im Windschatten des entstehenden preußisch-österreichischen Konfliktes einen Erfolg. Freilich hatte man sich damit in Dänemark gründlich verrechnet. Zur allgemeinen Überraschung einigten sich die beiden großen deutschen Mächte noch einmal auf ein gemeinsames Vorgehen. In einem raschen Feldzug wurde Dänemark 1864 geschlagen und musste die beiden Elbherzogtümer abtreten.

Es kam zu einer gemeinsamen Verwaltung Schleswig-Holsteins durch Wien und Berlin. Doch war die Konkurrenz beider schon zu groß geworden, als dass dies gutgehen konnte. Bismarcks Absicht war von Anfang an, die Herzogtümer für Preußen zu annektieren, was naturgemäß Österreich verhindern musste. Die Streitigkeiten nahmen zu, und sogar eine militärische Auseinandersetzung zwischen beiden deutschen Staaten im hohen Norden schien möglich. Doch da geschah erneut das Unerwartete: In der Gasteiner Konvention (August 1865) wurde das Äußerste noch einmal verhindert. Österreich verkaufte Lauenburg an Preußen und die Herzogtümer sollten fortan getrennt verwaltet werden: Holstein durch Wien und Schleswig durch Berlin.

Allerdings war damit die Entscheidung, was mit Schleswig-Holstein überhaupt geschehen sollte, nicht geklärt worden. Bismarck verfolgte nach wie vor die Annexion, Österreich wollte einen selbständigen Staat daraus machen. Schon bald erneuerten sich die Streitigkeiten und wurden in der Folge immer schärfer.

Beide Seiten begannen bereits im April 1866, sich auf einen Krieg vorzubereiten. Rüstungen wurden zunächst verdeckt vorgenommen. Preußen versicherte sich mit einem Geheimvertrag der Unterstützung des revolutionären Italien, das auf die Gewinnung Venetiens spekulierte. Dadurch würde Österreich in einen Zweifrontenkrieg gezwungen werden. Wenig später kam es zu einem Pakt Österreichs mit Frankreich, in dem Napoleon III. eine französisch dominierte Rheinprovinz in Aussicht gestellt wurde, falls Österreich gegen Preußen siegen würde. Solange sollte Paris sich neutral verhalten.

Die schleswig-holsteinische Provokation blieb allerdings bestehen. Österreich plante nun, die Entscheidung über die Zukunft der Herzogtümer dem Deutschen Bund vorzulegen. Als das ruchbar wurde, war allgemein klar, dass Preußen dies als Kriegsgrund ansehen würde.

Anfang Mai 1866 gingen in Preußen und Österreich die Rüstungen vom Geheimen ins Offene über. Die Mobilmachungen wurden beschleunigt. Am 20.5. begannen die österreichischen Truppentransporte nach dem zu erwartenden böhmischen Kriegsschauplatz. Preußen folgte wenig später mit dem Aufmarsch an der Grenze zum Königreich Sachsen und in Schlesien.

Fortsetzung folgt.

[1] Siehe dazu unseren Beitrag: „Das Jahr 1866 und die Spaltung der Konservativen Partei in Preußen“.

One thought on “Vor 160 Jahren – Preußen und Österreich rüsten

  1. Vielen Dank, Herr Ehmke!
    Das ist eine Zusammenfassung in geeigneter Dichte und eine gute Basis für weitere Erkundungen, da die Verträge mit Namen und Datum aufgeführt sind. Bin in Erwartung der nächsten Folgen – allerdings immer mit dem bitteren Gedanken an diesen Krieg, der Deutschsprechende aufeinander schießen ließ – ein Zugeständnis der Machtpolitik.
    Gruß, M. Kornagel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert