von Stephan Ehmke
Vor 140 Jahren, im Jahre 1886, endete mit der Auflösung des preußisch-britischen Bistums Jerusalem eines der außergewöhnlichsten kirchen- und außenpolitischen Projekte des 19. Jahrhunderts. In einer Zeit zunehmender europäischer Konkurrenz im Osmanischen Reich hatte die Gründung des Bistums im Jahre 1841 religiöse, politische und kulturelle Interessen verbunden. Die Initiative beruhte auf einer engen Zusammenarbeit zwischen dem Königreich Preußen und Großbritannien und zielte darauf ab, dem Protestantismus im Heiligen Land institutionelle Gestalt zu verleihen. Das Projekt war Ausdruck eines protestantischen Missionsgedankens, zugleich aber auch Bestandteil der europäischen Machtpolitik im Nahen Osten.
Besonders zwei Persönlichkeiten prägten die Entstehung und Entwicklung des Bistums: der preußische König Friedrich Wilhelm IV. (1895-1861) sowie sein enger Vertrauter und Gesandter in London, Carl Josias Freiherr von Bunsen (1791-1860). Beide verband die Vorstellung einer Erneuerung des Christentums und einer engeren Zusammenarbeit der protestantischen Kirchen Europas. Die Gründung des Bistums Jerusalem erschien ihnen als Schritt zu einer universalen protestantischen Kirche, die konfessionelle Grenzen überwinden sollte. Dennoch zeigte sich im Laufe der Jahrzehnte, dass die Erwartungen an dieses Unternehmen vielfach zu hoch gesteckt waren. Im Jahr 1886 endete die gemeinsame preußisch-britische Trägerschaft.
Die politische und religiöse Situation im Vorderen Orient
Seit dem frühen 19. Jahrhundert gewann der Nahe Osten zunehmend an Bedeutung für die europäischen Großmächte. Das Osmanische Reich befand sich in einer Phase des politischen Niedergangs und sah sich wachsenden Einflüssen aus Europa ausgesetzt. Frankreich beanspruchte traditionell die Schutzmacht über die katholischen Christen des Heiligen Landes, während Russland als Beschützer der orthodoxen Christen auftrat. Protestantische Interessen waren dagegen bislang kaum institutionell vertreten.
Zugleich erlebte Europa eine Phase religiöser Erneuerungsbewegungen. In Großbritannien und Deutschland entstanden zahlreiche Missionsgesellschaften, die sich die Verbreitung des Evangeliums und die Unterstützung orientalischer Christen zum Ziel setzten. Das Heilige Land galt vielen Protestanten als Ort von besonderer symbolischer Bedeutung. Die Möglichkeit, dort eine eigene kirchliche Präsenz aufzubauen, besaß daher nicht nur missionarischen, sondern auch kulturpolitischen Wert.
In diesem Kontext entstand die Idee eines gemeinsamen anglikanisch-preußischen Bistums in Jerusalem. Das Vorhaben war insofern bemerkenswert, als es die Zusammenarbeit zweier unterschiedlicher kirchlicher Traditionen – der anglikanischen Kirche und der evangelischen Kirche Preußens – vorsah.
Friedrich Wilhelm IV. und seine religiös-politischen Vorstellungen
Eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Projekts spielte König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Der 1840 auf den Thron gelangte Monarch verstand sein Königtum in einem stark religiösen Sinn. Er sah sich als christlicher Herrscher, dessen Aufgabe nicht allein in der politischen Führung des Staates, sondern auch in der Förderung der Kirche bestand.
Friedrich Wilhelm IV. war von romantischen und konservativen Ideen geprägt. Sein tiefer persönlicher Glaube war von der deutschen Erweckungsbewegung beeinflusst. Er strebte eine Wiederbelebung des christlichen Abendlandes an und hegte die Vorstellung einer Versöhnung der verschiedenen protestantischen Konfessionen. In seiner Auffassung sollte die Kirche nicht lediglich eine nationale Institution sein, sondern eine überstaatliche Gemeinschaft der Christen bilden.
Das Heilige Land nahm in diesen Überlegungen einen besonderen Platz ein. Der König war überzeugt davon, dass die Präsenz einer protestantischen Kirche in Jerusalem eine religiöse Erneuerung fördern und zugleich das Ansehen Preußens stärken könne. Anders als seine Vorgänger maß er kirchlichen Fragen einen hohen politischen Stellenwert bei.
Die Gründung eines Bistums in Jerusalem entsprach daher nicht allein außenpolitischen Interessen, sondern war Ausdruck einer umfassenden religiösen Vision. Friedrich Wilhelm IV. betrachtete das Projekt als Beitrag zur Einheit des Protestantismus und als Zeichen christlicher Verantwortung gegenüber den orientalischen Kirchen.
Carl Josias von Bunsen als Architekt des Projekts
Die entscheidende praktische Umsetzung der Pläne lag in den Händen Carl Josias von Bunsens. Der Diplomat und Gelehrte war seit 1841 preußischer Gesandter in London und verfügte über ausgezeichnete Kontakte zur britischen Politik und zur anglikanischen Kirche.
Bunsen war ein überzeugter Vertreter eines christlichen Humanismus und verfolgte die Idee einer Annäherung der protestantischen Kirchen Europas. Bereits während seiner Tätigkeit als preußischer Gesandter beim Heiligen Stuhl in Rom (1823-1838) hatte er sich intensiv mit kirchlichen Fragen beschäftigt. In London fand er ein günstiges Umfeld, da auch in Großbritannien Bestrebungen bestanden, die protestantische Mission im Orient auszubauen.
Durch seine diplomatischen Fähigkeiten gelang es Bunsen, das Vertrauen sowohl des britischen Außenministeriums als auch kirchlicher Kreise zu gewinnen. Wohlwollen kam auch von Premierminister Robert Peel. Bunsen entwickelte gemeinsam mit dem Erzbischof von Canterbury, William Howley, und weiteren Vertretern der anglikanischen Kirche konkrete Pläne für die Errichtung des gemeinsamen Bistums.
Bunsen betrachtete das Unternehmen als historischen Schritt zur Überwindung konfessioneller Gegensätze. In seinen Schriften betonte er immer wieder die Gemeinsamkeiten zwischen Anglikanern und deutschen Protestanten. Seine Vorstellungen gingen weit über eine bloße Missionsstation hinaus. Vielmehr sah er in Jerusalem den Ausgangspunkt einer internationalen evangelischen Kirche.
Die Gründung des Bistums im Jahre 1841
Im Jahr 1841 kam es schließlich zur offiziellen Errichtung des Bistums Jerusalem. Grundlage war ein Abkommen zwischen Preußen und Großbritannien. Die Finanzierung sollte von beiden Partnern getragen werden, wobei der Hauptanteil auf preußischer Seite von Friedrich Wilhelm privat beigesteuert wurde. Das Vorschlagsrecht für die Bischöfe wechselte zwischen den beiden Staaten.
Zum ersten Bischof wurde Michael Solomon Alexander ernannt, ein zum Christentum konvertierter Jude. Seine Ernennung spiegelte die starke missionarische Ausrichtung des Unternehmens wider. Das Bistum sollte nicht nur die bereits vorhandenen protestantischen Gemeinden betreuen, sondern auch missionarisch tätig werden.
Die Gründung stellte eine kirchenrechtliche Besonderheit dar. Erstmals arbeiteten die anglikanische Kirche und die evangelische Kirche Preußens in dieser Form zusammen. Allerdings bestanden von Anfang an Unterschiede hinsichtlich liturgischer Traditionen und theologischer Auffassungen.
Widerstand formierte sich allerdings in beiden Ländern von Seiten stark konfessionell geprägter Geistlicher und Politiker. In Preußen sah vor allem die lutherische Geistlichkeit die Gefahr der Überbetonung der anglikanisch-hochkirchlichen Traditionen. Gleichzeitig befürchtete man einen bestimmenden Einfluss der britischen Politik auf das Projekt.
Die preußischen Altkonservativen aus dem Kreis um die Brüder Ernst Ludwig und Leopold von Gerlach[1], obwohl stark christlich und kirchlich orientiert, standen dem Projekt keineswegs einhellig positiv gegenüber. Gerade bei Ernst Ludwig von Gerlach überwogen erhebliche Vorbehalte.
Die Altkonservativen waren zwar stark vom Pietismus und von der Erweckungsbewegung geprägt und befürworteten grundsätzlich die Förderung des Protestantismus im Heiligen Land. Sie sahen jedoch die Kirche als einen organisch gewachsenen, konfessionell bestimmten Verband. Deshalb betrachteten viele von ihnen die Verbindung mit der anglikanischen Kirche skeptisch.
Insbesondere Ernst Ludwig von Gerlach stand dem Unternehmen kritisch gegenüber. Seine Bedenken entsprangen seinem altkonservativen Kirchenverständnis: Er lehnte einen bloß pragmatischen Zusammenschluss verschiedener protestantischer Kirchen ab und misstraute zudem Bunsens eher dem Unitarismus nahestehenden Theologie. Zudem fürchtete er, dass die kirchliche Ordnung zu sehr durch politische Zweckmäßigkeit bestimmt würde. Während Friedrich Wilhelm IV. im Jerusalemer Bistum eine Art gesamtevangelisches Prestigeprojekt sah, betrachtete Gerlach die konfessionellen Unterschiede als theologisch bedeutsam und nicht einfach überbrückbar.
Ganz ähnliche Bedenken existierten auf britischer Seite. Der anglikanische Geistliche John Henry Newman[2], ein Vertreter der hochkirchlichen Richtung, nahm die Gründung des Bistums Jerusalem sogar zum Anlass für seinen Übertritt zum Katholizismus, den er 1845 vollzog.
Dennoch wurde das Ereignis von vielen Zeitgenossen als bedeutender Erfolg angesehen. Für Friedrich Wilhelm IV. bedeutete die Gründung die Verwirklichung eines lang gehegten Ideals, während Bunsen seine diplomatischen Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte.
Die Tätigkeit des Bistums
Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entwickelte das Bistum eine Vielzahl von Aktivitäten. Es entstanden Schulen, Krankenhäuser und kirchliche Einrichtungen. Missionare arbeiteten unter Muslimen und Juden.
Besondere Bedeutung gewann die Ausbildung einheimischer Geistlicher. Damit sollte langfristig eine selbstständige protestantische Kirche im Nahen Osten entstehen. Auch die Übersetzung und Verbreitung religiöser Literatur wurde gefördert.
Die Arbeit gestaltete sich jedoch schwierig. Die Zahl der Protestanten im Heiligen Land blieb vergleichsweise gering. Zudem sahen katholische und orthodoxe Kirchen die Aktivitäten mit Skepsis. Konflikte mit den traditionellen christlichen Gemeinschaften waren daher unvermeidlich.
Hinzu kamen die komplizierten politischen Verhältnisse im Osmanischen Reich. Die europäischen Mächte konkurrierten zunehmend um Einfluss in der Region. Dadurch geriet auch das Bistum in den Kontext internationaler Rivalitäten.
Grenzen und Probleme des Projekts
Schon bald traten Spannungen zwischen den preußischen und britischen Partnern zutage. Die Anglikaner legten großen Wert auf die bischöfliche Verfassung ihrer Kirche und auf liturgische Traditionen. Die preußischen Protestanten waren dagegen stärker von reformatorischen und unierten Vorstellungen geprägt.
Insbesondere die Frage der Ordination und des kirchlichen Selbstverständnisses führte zu Meinungsverschiedenheiten. Manche Anglikaner bezweifelten, ob die evangelische Kirche Preußens überhaupt als gleichberechtigte Partnerin angesehen werden könne. Umgekehrt empfanden viele deutsche Protestanten die anglikanische Kirchenverfassung als zu hierarchisch.
Auch die politischen Voraussetzungen veränderten sich. Nach der Revolution von 1848 verlor die ursprünglich von Friedrich Wilhelm IV. vertretene romantisch-christliche Staatsidee zunehmend an Bedeutung. Mit dem Aufstieg Otto von Bismarcks (seit 1862 preußischer Ministerpräsident) verschob sich der Schwerpunkt der preußischen Politik stärker auf nationale und machtpolitische Ziele.
Der Tod Carl Josias von Bunsens im Jahr 1860 bedeutete ebenfalls einen Einschnitt. Mit ihm verlor das Projekt seinen wichtigsten Vermittler zwischen Berlin und London. Niemand vermochte seine persönliche Autorität und seine ökumenische Vision vollständig zu ersetzen.
Das Ende der gemeinsamen Trägerschaft 1886
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nahmen die Differenzen zwischen den Partnern weiter zu. Die ursprünglichen Hoffnungen auf eine umfassende protestantische Einheitskirche hatten sich nicht erfüllt. Stattdessen traten die konfessionellen Eigenarten der beteiligten Kirchen immer deutlicher hervor.
Schließlich wurde die gemeinsame Organisation im Jahr 1886 beendet. Die anglikanische Kirche führte das Bistum eigenständig weiter, während Preußen andere Formen kirchlicher Präsenz im Heiligen Land entwickelte.
Das Ende des gemeinsamen Bistums bedeutete jedoch keineswegs das Scheitern aller Ziele. Zahlreiche Einrichtungen, die während der gemeinsamen Zeit entstanden waren, bestanden fort und prägten das religiöse Leben Palästinas nachhaltig. Insbesondere Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen blieben wichtige Bestandteile der protestantischen Präsenz.
Die historische Bedeutung Friedrich Wilhelms IV.
Friedrich Wilhelm IV. war der eigentliche geistige Initiator des Unternehmens. Seine religiösen Vorstellungen verliehen dem Projekt seine besondere Prägung. Er verband politische Macht mit christlicher Verantwortung und betrachtete die Kirche als tragende Kraft der Gesellschaft.
Seine Vision war von romantischen Idealen und einem universalen Verständnis des Christentums geprägt. Obwohl viele seiner Erwartungen unerfüllt blieben, schuf er die Voraussetzungen für eine bis dahin einzigartige Zusammenarbeit zwischen Protestanten verschiedener Traditionen.
Der König handelte nicht aus machtpolitischen Motiven. Vielmehr war sein Engagement Ausdruck einer tiefen religiösen Überzeugung und dem Bewusstsein von der persönlichen Verantwortlichkeit eines Monarchen gegen Gott und dessen Geboten. Gerade diese Verbindung von Frömmigkeit und Politik macht seine Rolle innerhalb der Geschichte des Bistums Jerusalem besonders bedeutsam.
Die Bedeutung Carl Josias von Bunsens
Noch stärker als der König war Bunsen der praktische Gestalter des Projekts. Ohne seine diplomatischen Fähigkeiten und seine persönlichen Beziehungen wäre die Zusammenarbeit mit Großbritannien kaum zustande gekommen.
Bunsen verkörperte den Typus des christlich gebildeten Diplomaten, der politische und religiöse Interessen miteinander zu verbinden suchte. Seine Vorstellungen einer internationalen protestantischen Gemeinschaft waren ihrer Zeit weit voraus und können als früher Beitrag zur ökumenischen Bewegung verstanden werden.
Zwar scheiterte die Hoffnung auf eine dauerhafte institutionelle Einheit zwischen Anglikanern und deutschen Protestanten, doch wirkten viele seiner Ideen über das 19. Jahrhundert hinaus fort. In diesem Sinne gehört Carl Josias von Bunsen zu den bedeutenden Gestalten der europäischen Kirchen- und Diplomatiegeschichte.
Zusammenfassung
Das preußisch-britische Bistum Jerusalem war ein außergewöhnliches Experiment an der Schnittstelle von Religion, Politik und Diplomatie. Es spiegelte die besonderen geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts wider und verband missionarische Ziele mit außenpolitischen Interessen.
Friedrich Wilhelm IV. und Carl Josias von Bunsen waren die entscheidenden Träger dieses Unternehmens. Während der König die ideellen Grundlagen schuf, sorgte Bunsen für die diplomatische Umsetzung. Beide verband die Hoffnung auf eine Erneuerung und Einigung des Protestantismus.
Obwohl die gemeinsame Trägerschaft 1886 endete, hinterließ das Projekt nachhaltige Spuren. Es trug zur Festigung der protestantischen Präsenz im Heiligen Land bei und stellte einen frühen Versuch ökumenischer Zusammenarbeit dar. Damit besitzt das preußisch-britische Bistum Jerusalem einen festen Platz in der europäischen Kirchen- und Diplomatiegeschichte des 19. Jahrhunderts.
Literatur:
Lückhoff, Martin: Anglikaner und Protestanten im Heiligen Land. Das gemeinsame Bistum Jerusalem (1841–1886). Wiesbaden 1998.
Schmidt-Clausen, Kurt: Vorweggenommene Einheit. Die Gründung des Bistums Jerusalem im Jahre 1841. Berlin/Hamburg 1965.
Abeken, Heinrich: Das evangelische Bisthum in Jerusalem. Geschichtliche Darlegung mit Urkunden. Berlin 1842.
Anmerkungen:
[1] Näheres zu den Brüdern Gerlach und den preußischen Altkonservativen hier.
[2] John Henry Newman (1801-1890) stieg zum Kardinal auf und wurde ein bedeutender Lehrer der katholischen Kirche. Im Jahre 2019 wurde er heiliggesprochen.

