Der Einfluss von Donoso Cortés auf Carl Schmitts Politische Theologie

von Karl M. Richter

Die politische Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ist von zahlreichen Denkern geprägt worden, die auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von Politik, Religion und Staat reflektierten. Zu den bedeutendsten Vertretern dieser Tradition zählen der spanische Staatsmann und politische Theoretiker Juan Donoso Cortés (1809–1853) und der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt (1888–1985)[1]. Obwohl beide in unterschiedlichen historischen Epochen lebten, besteht zwischen ihren politischen Theorien eine bemerkenswerte geistige Verbindung. Insbesondere Schmitt erkannte in Donoso Cortés einen Vordenker seiner eigenen politischen Theorie und würdigte ihn mehrfach als einen der bedeutendsten politischen Denker des katholischen Konservatismus[2].

Der Einfluss Donoso Cortés‘ auf Schmitts Politische Theologie zeigt sich vor allem in drei Bereichen: erstens in der Kritik des Liberalismus, zweitens in der Betonung der Entscheidung als Kern politischer Autorität und drittens in der Auffassung politischer Ordnung als Antwort auf eine existentielle Krise. Donoso Cortés lieferte Schmitt wesentliche Argumente und Denkfiguren, die dieser weiterentwickelte und systematisierte. Dabei übernahm Schmitt jedoch nicht einfach die Gedanken seines Vorgängers, sondern transformierte sie in den Kontext der politischen und rechtlichen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts.

Der vorliegende Aufsatz untersucht die Bedeutung Donoso Cortés‘ für die Entstehung und Ausgestaltung von Carl Schmitts Politischer Theologie. Dabei werden zunächst die zentralen Gedanken Donoso Cortés‘ dargestellt. Anschließend wird Schmitts Konzept der Politischen Theologie erläutert, bevor die konkreten Einflusslinien zwischen beiden Denkern analysiert werden.

Donoso Cortés und seine politische Theorie

Juan Donoso Cortés gehört zu den bedeutendsten konservativen Denkern des 19. Jahrhunderts. Ursprünglich liberal geprägt, entwickelte er sich unter dem Eindruck der politischen Umwälzungen seiner Zeit zu einem scharfen Kritiker des Liberalismus. Besonders die europäischen Revolutionen von 1848 überzeugten ihn davon, dass die liberale Ordnung nicht in der Lage sei, gesellschaftliche Krisen zu bewältigen.

In seinem Hauptwerk, dem „Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus“[3], vertrat Donoso Cortés die Auffassung, dass politische Konflikte letztlich auf religiösen und theologischen Grundannahmen beruhen. Für ihn spiegeln politische Systeme bestimmte Menschenbilder wider. Der Katholizismus gehe von der Realität der Erbsünde aus und erkenne deshalb die Notwendigkeit starker Autorität an. Liberalismus und Sozialismus hingegen überschätzten nach seiner Ansicht die Vernunft des Menschen und unterschätzten dessen moralische Fehlbarkeit.

Donoso Cortés sah die moderne Welt in einer tiefen geistigen Krise. Mit dem Rückgang religiöser Bindungen verliere die Gesellschaft ihre moralische Grundlage. Die Folge sei eine zunehmende politische Instabilität. Während Liberale versuchten, Konflikte durch Diskussion und parlamentarische Verfahren zu lösen, betrachtete Donoso dies als illusionär. In Zeiten existentieller Bedrohungen seien Debatten nicht ausreichend; vielmehr müsse eine entscheidungsfähige Autorität handeln.

Besonders bekannt wurde seine Theorie der Diktatur. Donoso Cortés argumentierte, dass außergewöhnliche Krisensituationen außergewöhnliche politische Maßnahmen erfordern könnten. Die Diktatur erschien ihm nicht als Idealzustand, sondern als notwendiges Mittel zur Wiederherstellung von Ordnung. Angesichts revolutionärer Gefahren müsse die politische Führung in der Lage sein, rasch und entschlossen zu handeln[4].

Diese Betonung der Entscheidung gegenüber der Diskussion sollte später für Carl Schmitt von zentraler Bedeutung werden.

Carl Schmitts Konzept der Politischen Theologie

Carl Schmitt entwickelte seine Politische Theologie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, insbesondere in seinem Werk Politische Theologie von 1922[5]. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Frage nach dem Wesen staatlicher Souveränität.

Schmitt formulierte dort seinen berühmten Satz: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.[6]“ Dieser Satz verdeutlicht die zentrale Rolle der Entscheidung in seinem Denken. Nach Schmitt kann eine Rechtsordnung nicht allein durch allgemeine Normen funktionieren. Jede Ordnung stößt irgendwann auf Situationen, die von den bestehenden Regeln nicht vollständig erfasst werden. In solchen Ausnahmefällen bedarf es einer Instanz, die entscheidet und dadurch die Ordnung erhält.

Die Politische Theologie Schmitts beruht auf der These, dass zentrale Begriffe der modernen Staatslehre säkularisierte theologische Begriffe seien. So entspreche etwa die Stellung des souveränen Herrschers innerhalb der politischen Ordnung der Stellung Gottes innerhalb der theologischen Ordnung. Politische Konzepte hätten daher historische und strukturelle Wurzeln in religiösen Vorstellungen.

Schmitt verstand Politik als einen Bereich existentieller Entscheidungen. Anders als liberale Theorien, die Politik vor allem als Prozess rationaler Verständigung betrachten, betonte er die Unvermeidlichkeit von Konflikten. Politische Ordnung könne nicht allein durch Diskussion entstehen, sondern erfordere letztlich eine autoritative Entscheidung.

Diese Auffassung brachte Schmitt in scharfen Gegensatz zu den liberalen Strömungen seiner Zeit. Die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik erschien ihm als Ausdruck eines politischen Denkens, das Konflikte durch endlose Debatten zu neutralisieren versuche. Für Schmitt war dies ein Zeichen politischer Schwäche.

Die Kritik des Liberalismus als Verbindungslinie

Der deutlichste Einfluss Donoso Cortés‘ auf Schmitt zeigt sich in der Kritik des Liberalismus. Beide Denker betrachteten den Liberalismus als eine politische Haltung, die grundlegende Konflikte nicht lösen könne.

Donoso Cortés warf dem Liberalismus vor, zwischen gegensätzlichen Positionen vermitteln zu wollen, ohne selbst zu klaren Entscheidungen fähig zu sein. Der Liberalismus wolle Diskussion an die Stelle von Autorität setzen und glaube, gesellschaftliche Konflikte könnten durch Vernunft und Kompromisse überwunden werden. Für Donoso war dies angesichts revolutionärer Bedrohungen unrealistisch.

Schmitt griff diese Kritik nahezu wörtlich auf. In seinem Werk Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus[7] beschrieb er den Liberalismus als ein System der Diskussion. Liberales Denken strebe danach, politische Gegensätze in Debatten aufzulösen. Doch politische Konflikte seien häufig so grundlegend, dass sie nicht durch Argumentation allein entschieden werden könnten.

Die Übereinstimmung zwischen beiden Denkern ist hier besonders deutlich. Schmitt sah in Donoso Cortés einen der ersten politischen Theoretiker, der die Schwächen des Liberalismus erkannt hatte. Er bezeichnete ihn sogar als einen Denker, der die Konsequenzen der modernen politischen Krise klarer verstanden habe als viele seiner Zeitgenossen.

Allerdings verschob Schmitt den Schwerpunkt der Kritik. Während Donoso seine Argumentation auf katholisch-theologische Grundlagen stützte, entwickelte Schmitt eine stärker staatsrechtliche und politische Analyse. Dennoch blieb die Grundannahme dieselbe: Politik erfordert Entscheidungen, die nicht durch Diskussion ersetzt werden können.

Der Dezisionismus und die Rolle der Entscheidung

Ein weiterer zentraler Einfluss Donoso Cortés‘ auf Schmitt besteht in der Theorie der Entscheidung, die auch als „Dezisionismus“ bezeichnet wird[8].

Donoso Cortés war überzeugt, dass politische Krisen letztlich Entscheidungen verlangen. Wenn die gesellschaftliche Ordnung bedroht werde, müsse eine Autorität handeln. Die Fähigkeit zur Entscheidung sei wichtiger als die Ausarbeitung perfekter normativer Systeme.

Schmitt übernahm diesen Gedanken und machte ihn zum Kern seiner politischen Theorie. Für ihn liegt der Ursprung politischer Ordnung nicht in abstrakten Normen, sondern in einem konkreten Akt der Entscheidung. Normen können nur innerhalb einer bestehenden Ordnung wirken. Die Entscheidung des Souveräns schafft und erhält diese Ordnung.

Der Ausnahmezustand spielt dabei eine entscheidende Rolle. Gerade in Situationen, in denen die geltenden Regeln versagen, zeigt sich nach Schmitt, wer tatsächlich souverän ist. Diese Vorstellung erinnert unmittelbar an Donoso Cortés‘ Überlegungen zur Diktatur. Beide Denker gehen davon aus, dass außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Entscheidungen erfordern.

Schmitt sah in Donoso Cortés daher einen Wegbereiter seines eigenen Dezisionismus. Während viele politische Theorien die Bedeutung von Normen hervorheben, rückten beide die Autorität der Entscheidung in den Mittelpunkt.

Politische Ordnung und die Erfahrung der Krise

Sowohl Donoso Cortés als auch Carl Schmitt entwickelten ihre politischen Theorien vor dem Hintergrund tiefgreifender Krisenerfahrungen. Bei Donoso waren dies die Revolutionen des 19. Jahrhunderts, bei Schmitt die politischen und gesellschaftlichen Konflikte der Weimarer Republik.

Für Donoso zeigte die Revolution von 1848 den Zerfall der traditionellen Ordnung. Er glaubte, dass die moderne Gesellschaft ohne religiöse Grundlage in Chaos und Gewalt abgleiten werde. Deshalb betonte er die Notwendigkeit einer starken politischen Autorität.

Auch Schmitt betrachtete seine Zeit als Epoche der Krise. Die politische Instabilität Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg sowie die Konflikte zwischen unterschiedlichen ideologischen Lagern führten ihn zu der Überzeugung, dass liberale Institutionen allein keine stabile Ordnung gewährleisten könnten[9].

In beiden Fällen dient die politische Theorie als Antwort auf eine wahrgenommene existentielle Bedrohung. Politik erscheint nicht als Verwaltung normaler Zustände, sondern als Kampf um die Erhaltung der Ordnung.[10] Die Fähigkeit, in Krisensituationen zu entscheiden, wird dadurch zum entscheidenden Kriterium politischer Legitimität.

Diese gemeinsame Krisendiagnose erklärt, warum Schmitt sich so intensiv mit Donoso Cortés beschäftigte. Er erkannte in dessen Denken eine theoretische Antwort auf Probleme, die auch im 20. Jahrhundert weiterhin relevant erschienen.

Unterschiede zwischen Donoso Cortés und Carl Schmitt

Trotz der engen geistigen Verbindung bestehen erhebliche Unterschiede zwischen beiden Denkern. Donoso Cortés blieb stets ein katholischer Theoretiker. Seine politische Analyse war unmittelbar mit theologischen Überzeugungen verbunden. Die Autorität des Staates wurde letztlich durch die göttliche Ordnung legitimiert.

Schmitt hingegen verfolgte einen stärker formalen Ansatz. Zwar betonte auch er die theologischen Ursprünge politischer Begriffe, doch seine Theorie zielte weniger auf die Verteidigung des Katholizismus als auf die Analyse politischer Machtstrukturen. Die Entscheidung des Souveräns erhält ihre Bedeutung nicht primär aus religiöser Legitimation, sondern aus ihrer Funktion für die Aufrechterhaltung politischer Ordnung.

Darüber hinaus entwickelte Schmitt seine Theorie in einem modernen säkularen Kontext. Seine Politische Theologie untersucht die Struktur politischer Begriffe, während Donoso Cortés stärker normativ argumentierte und die katholische Religion ausdrücklich als Grundlage einer stabilen Gesellschaft verteidigte.

Man kann daher sagen, dass Schmitt Donoso Cortés nicht einfach übernahm, sondern dessen Gedanken in eine neue theoretische Form überführte.

Fazit

Der Einfluss Juan Donoso Cortés‘ auf Carl Schmitts Politische Theologie gehört zu den wichtigsten ideengeschichtlichen Verbindungen zwischen dem konservativen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts. Donoso lieferte Schmitt entscheidende Impulse für seine Kritik des Liberalismus, seine Theorie der politischen Entscheidung und seine Auffassung von Politik als Reaktion auf existentielle Krisen.

Besonders die Vorstellung, dass politische Ordnung letztlich auf Entscheidungen und nicht auf Diskussionen beruht, verbindet beide Denker. Schmitt erkannte in Donoso Cortés einen frühen Analytiker der modernen politischen Krise und griff zahlreiche seiner Argumente auf. Gleichzeitig transformierte er diese Gedanken in eine eigenständige Theorie der Souveränität und des Ausnahmezustands.

Trotz aller Unterschiede bleibt festzuhalten, dass Schmitts Politische Theologie ohne die Vorarbeiten Donoso Cortés‘ kaum in ihrer bekannten Form entstanden wäre. Donoso stellte die grundlegenden Fragen nach Autorität, Entscheidung und Ordnung, die Schmitt später systematisch weiterentwickelte. Damit bildet Donoso Cortés eine wesentliche ideengeschichtliche Quelle für das Verständnis von Carl Schmitts politischem Denken und seiner Politischen Theologie.

Anmerkungen:

[1] Weitere Einzelbeiträge zu Cortés und Schmitt finden Sie auf der Seite www.altkonservativ.com.

[2] So insbesondere in seiner Abhandlung „Donoso Cortés in gesamteuropäischer Interpretation“.

[3] Das Werk erschien erstmals 1851 in Madrid unter dem Titel „Ensayo sobre el catolicismo, el liberalismo y el socialismo, considerados en sus principios fundamentales“.

[4] Zu Donosos berühmter Rede über die Diktatur am 4. Januar 1849 im spanischen Parlament siehe den Beitrag hier.

[5] Schmitts „Politische Theologie: Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität“ erschien 1922 im Verlag Duncker&Humbloth in München/Leipzig. Im Jahre 1970 ergänzte Schmitt einen zweiten Band, in dem er der Kritik von der Unmöglichkeit Politischer Theologie begegnete (erschienen im selben Verlag).

[6] Mit diesem Satz beginnt die Schrift.

[7] Das Werk erschien erstmals 1923 im Verlag Duncker&Humbloth in Berlin.

[8] Schmitt bezieht sich dabei auch auf Thomas Hobbes, der betonte, dass die gesellschaftliche Geltung jeder Norm auf der Entscheidungsmacht beruht. Diese wies er dem Staat zu in der Erwartung, durch staatliche Entscheidung die Gefahr religiöser Bürgerkriege zu bannen.

[9] Siehe Fußnote 7.

[10] Siehe zum Politikbegriff Schmitts in seinem Werk: „Der Begriff des Politischen“ von 1932. Schmitt sieht das Wesen der Politik in der Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Wo es diese Unterscheidung nicht gibt, so Schmitt, ist auch keine Politik möglich. Dies setzt auch immer einen Konflikt voraus, der allerdings nicht unbedingt gewaltsam ausgetragen werden muss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert