von Karl M. Richter
Der Name Philip Henry Sheridan ist bis heute eng mit einer besonders brutalen Form der Kriegsführung verbunden. In historischen und politischen Debatten wird Sheridan gelegentlich als „Wegbereiter des modernen Vernichtungskrieges“ bezeichnet. Nicht zu Unrecht, denn Sheridan trug wesentlich dazu bei, Methoden der systematischen Zerstörung wirtschaftlicher Lebensgrundlagen der gegnerischen Zivilbevölkerung weiterzuentwickeln und in großem Maßstab anzuwenden. Besonders während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) und später in den Kriegen gegen die indigenen Völker des amerikanischen Westens setzte er auf die Strategie der „verbrannten Erde“. Ziel war es, den Gegner nicht nur militärisch zu besiegen, sondern ihm dauerhaft die Fähigkeit zum Widerstand und zum Überleben zu nehmen. Insbesondere in Bezug auf die Indianerkriege wird auch der Begriff „Genozid“ verwendet.

Philip Sheridan als Generalmajor. Quelle: Wikipedia gemeinfrei.
Sheridans Aufstieg im amerikanischen Bürgerkrieg
Philip Henry Sheridan (1831–1888) absolvierte die Militärakademie in West Point und trat nach Beginn des Bürgerkriegs rasch als talentierter Kavallerieoffizier hervor. Unter dem Oberbefehl von General Ulysses S. Grant entwickelte er sich zu einem der erfolgreichsten Kommandeure der Nordstaaten. Sheridan galt als energisch, entschlossen und kompromisslos. Während viele Generäle noch nach den traditionellen Vorstellungen eines Krieges zwischen regulären Armeen handelten, war Sheridan bereit, die wirtschaftlichen Grundlagen des Gegners gezielt anzugreifen.
Im Jahr 1864 erhielt Sheridan das Kommando über die Armee im Shenandoah-Tal in Virginia. Dieses Gebiet war von herausragender Bedeutung für die Konföderation. Es diente als Kornkammer der Südstaaten und versorgte die Armee von General Robert E. Lee mit Getreide, Vieh und anderen Lebensmitteln. Gleichzeitig bot das Tal eine wichtige Operationslinie für Angriffe auf die Nordstaaten.
Sheridan erkannte, dass ein militärischer Sieg allein nicht ausreichen würde. Um den Süden dauerhaft zu schwächen, musste dessen Versorgung zerstört werden. Deshalb begann er nach seinen Siegen bei Winchester, Fisher’s Hill und Cedar Creek eine systematische Verwüstung des gesamten Shenandoah-Tals.
Die Strategie der verbrannten Erde
Die sogenannte Strategie der „verbrannten Erde“ besteht darin, dem Gegner sämtliche nutzbaren Ressourcen zu entziehen. Dabei werden Ernten vernichtet, Mühlen zerstört, Vieh beschlagnahmt oder getötet und Verkehrswege unbrauchbar gemacht. Das Ziel besteht darin, die wirtschaftliche Grundlage eines Gegners zu beseitigen und seinen Widerstandswillen zu brechen.
Im Herbst 1864 ließ Sheridan tausende Scheunen niederbrennen, Getreidespeicher vernichten und Mühlen sprengen. Zeitgenössische Berichte schildern kilometerlange Rauchwolken über dem Tal. Nach offiziellen Angaben wurden unter anderem mehr als 2.000 Scheunen, zahlreiche Mühlen sowie große Mengen Getreide und Heu zerstört. Zehntausende Nutztiere wurden beschlagnahmt oder getötet.
Sheridan soll erklärt haben, selbst eine Krähe müsse Proviant mitbringen, wenn sie über das Tal fliegen wolle. Ob dieses Zitat wörtlich überliefert ist oder später zugespitzt wurde, ist unter Historikern umstritten. Unstrittig ist jedoch, dass seine Maßnahmen genau diesem Ziel entsprachen: Das Shenandoah-Tal sollte für die konföderierten Streitkräfte unbrauchbar werden.
Diese Strategie erwies sich militärisch als äußerst erfolgreich. Die Versorgung der Südstaaten verschlechterte sich erheblich, und die Niederlage der Konföderation wurde beschleunigt. Gleichzeitig trafen die Zerstörungen vor allem die Zivilbevölkerung. Bauernfamilien verloren ihre gesamte Existenzgrundlage und litten noch lange nach Kriegsende unter Hunger und wirtschaftlicher Not.
Sheridan und die Kriege gegen die indigenen Völker
Nach dem Ende des Bürgerkriegs wurde Sheridan Oberbefehlshaber des Militärbezirks Missouri. Damit war er für weite Teile des amerikanischen Westens verantwortlich, in denen die US-Regierung die Kontrolle über neue Siedlungsgebiete durchsetzen wollte. In dieser Zeit führte die US-Armee zahlreiche Feldzüge gegen indigene Nationen wie die Cheyenne, Kiowa, Comanche und Lakota.
Auch hier griff Sheridan auf Methoden zurück, die den Gegner wirtschaftlich vernichten sollten. Da viele indigene Gruppen von der Bisonjagd lebten, unterstützte Sheridan die massenhafte Tötung der Amerikanischer Bison. Zwar wird ihm häufig das Zitat zugeschrieben: „Lasst sie töten, häuten und verkaufen, bis der Büffel ausgerottet ist.“ Ob Sheridan diesen Satz tatsächlich genau so formulierte, ist nicht eindeutig belegt. Historisch gesichert ist jedoch, dass er die kommerzielle Bisonjagd ausdrücklich befürwortete, weil sie die Lebensgrundlage der Plains-Völker zerstörte.
Innerhalb weniger Jahrzehnte brach der Bestand der Bisons von mehreren Millionen Tieren auf wenige Hundert zusammen. Für die indigenen Gesellschaften bedeutete dies eine Katastrophe. Nahrung, Kleidung, Werkzeuge und ein zentraler Bestandteil ihrer Kultur gingen verloren. Dadurch wurden viele Gruppen gezwungen, in Reservate umzuziehen und die Bedingungen der US-Regierung zu akzeptieren.
Hinzu kamen militärische Winterfeldzüge gegen Dörfer der indigenen Bevölkerung. Sheridan bevorzugte Angriffe während der kalten Jahreszeit, wenn Pferde geschwächt waren und Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt blieben. Dörfer wurden niedergebrannt, Vorräte vernichtet und Pferde beschlagnahmt oder getötet. Diese Maßnahmen sollten den Widerstand dauerhaft unmöglich machen.
Ein besonders bekanntes Beispiel ist das Massaker in dem Dorf der Cheyenne am Washita River im Jahr 1868 unter Oberst George Armstrong Custer, der unter Sheridans Gesamtstrategie stattfand. Dabei wurden zahlreiche Menschen getötet, darunter auch Frauen und Kinder.
Sheridan als Wegbereiter des modernen Vernichtungskrieges
Sheridan nimmt eine wichtige Stellung in der Entwicklung moderner Kriegführung ein. Gemeinsam mit William Tecumseh Sherman trug er dazu bei, den Übergang vom klassischen Entscheidungskrieg zu einer Form des sogenannten „harten Krieges“ (hard war) zu vollziehen. Dabei richteten sich militärische Operationen zunehmend gegen Infrastruktur, Versorgungssysteme und wirtschaftliche Ressourcen des Gegners. Die Grenze zwischen militärischen und zivilen Zielen wurde dadurch deutlich unschärfer.
General Philip Sheridan gehört zu den einflussreichsten Militärführern des 19. Jahrhunderts. Seine Feldzüge im Shenandoah-Tal sowie seine Politik gegenüber den indigenen Völkern Nordamerikas zeigen eine konsequente Anwendung der Strategie der verbrannten Erde. Durch die gezielte Vernichtung von Ernten, Vieh, Dörfern und natürlichen Lebensgrundlagen wollte er den Widerstand seiner Gegner dauerhaft brechen.
Dabei war Sheridan natürlich ausführendes Organ der politischen Führung der USA. Seine Verbrechen wurden ausdrücklich von seinem Vorgesetzten, Ulysses S. Grant, dem Kriegsminister der USA, Stanton und auch von Präsident Lincoln bzw. seinem Nachfolger gedeckt und geduldet.
Die Bezeichnung als „Wegbereiter des modernen Vernichtungskrieges“ ist historisch vertretbar, da er dessen Methoden als erster systematisch und konsequent anwendete. Seine Strategien beeinflussten spätere militärische Konzepte nachhaltig und sind zugleich ein Beispiel dafür, wie eng militärischer Erfolg und schweres menschliches Leid miteinander verbunden sind.
Sheridans Feldzüge gaben die Blaupause für die folgenden Vernichtungskriege weltweit, die nicht zuletzt von den USA geführt wurden und werden und zuletzt im Genozid an den Palästinensern im Gaza-Streifen gipfelten.

