Fortsetzung von Teil 5.
Von Stephan Ehmke

Am 3. Juli vor 160 Jahren tobte bei hochsommerlichen Temperaturen die Schlacht bei Königgrätz zwischen preußischen und sächsisch-österreichischen Truppen. Sie begann im Morgengrauen und endete am späten Nachmittag mit dem Rückzug der Österreicher.
Königgrätz war nach der Leipziger Völkerschlacht von 1813 die größte militärische Auseinandersetzung in Europa. Es kämpften dort insgesamt rund 436.000 Soldaten; etwa 8.000 blieben tot auf dem Schlachtfeld zurück, rund 15.000 wurden verwundet und ungefähr 23.000 blieben vermisst bzw. wurden gefangen genommen[1].
Der preußische Sieg entschied den Krieg und die „Deutsche Frage“, nämlich, wer zukünftig in einem neuen Deutschen Reich die Führungsrolle übernehmen sollte. Der Deutsche Bund fand sein endgültiges Ende; Österreich-Ungarn schied aus dem Reichsverband aus.
Auch in der Schlacht bei Königgrätz kämpften deutsche Brüder gegeneinander, Angehörige desselben Volkes. Diese Tragik musste Freude über den Sieg und Trauer über die Niederlage beherrschen. Die Feinde Deutschlands, die, wie insbesondere Frankreich, darauf gesetzt hatten, dass sich beide Seiten in einem langen Krieg zerfleischen würden, um dann über die Geschwächten herzufallen zu können und sich zu nehmen, was man wollte, sahen sich allerdings getäuscht.
Bismarck sorgte dafür, dass aus der Niederlage Österreichs gegen Preußen keine Demütigung wurde. Eine Besetzung Wiens, die König Wilhelm zunächst beabsichtigt hatte, entfiel ebenso wie Wegnahme österreichischen Territoriums. Auch das Königreich Sachsen blieb ungeschoren. Der Frieden von Prag vom 23. August 1866 war kein Rachefrieden. Er legte dem Besiegten keine großen Lasten auf. Der preußische Ministerpräsident und spätere deutsche Reichskanzler setzte auf Versöhnung – und auf ein Österreich-Ungarn als Verbündeten nach der Gründung des Deutschen Reiches. Eine weise und weitschauende Entscheidung.
Nach einer Reihe verlorener Gefechte in Böhmen, dies- und jenseits des Flusses Iser sowie an den Pässen des Riesengebirges, die nur von dem österreichischen Erfolg im Gefecht bei Trautenau unterbrochen wurden (siehe die vorhergehenden Teile unserer Beitragsreihe), zog sich die österreichische Armee mit den sächsischen Verbänden in Richtung Elbe auf die Festung Königgrätz zurück. Vorwärts derselben beabsichtige Feldzeugmeister Benedek den Gegner in für die Verteidigung günstigem Gelände zu erwarten.
Doch der österreichische Befehlshaber in Böhmen hegte keine große Hoffnung mehr auf einen Erfolg. Benedek hatte die hochmotivierten, vorwärtsdrängenden Preußen von Sieg zu Sieg eilen sehen und ihre führungs- und ausrüstungsmäßige Überlegenheit erkannt. Zu letzterer gehörte das Zündnadelgewehr, das als schneller Hinterlader der österreichischen Infanterie bereits verheerende Verluste beigebracht und zu deren Demoralisierung beigetragen hatte. Verschiedene Male hatte der alte General seinen Kaiser in Wien fast flehentlich gebeten, Waffenstillstandsverhandlungen mit Preußen mit dem Ziel einer ehrenhaften Kapitulation aufzunehmen. Doch der österreichische Monarch forderte die Schlacht und er sollte sie bekommen.
Dabei konnte über die Tapferkeit und den Opferwillen der österreichischen Soldaten, zu denen neben Deutschen auch Italiener, Ungarn, Polen und Angehörige von Balkanvölkern gehörten, kein Zweifel bestehen. Die österreichische Artillerie und insbesondere die Kavallerie waren der preußischen ebenbürtig. Freilich waren sie nicht in der Lage, die Niederlage noch in einen Sieg zu verwandeln.
Am 2. Juli 1866 konnte preußische Kavallerie die österreichisch-sächsischen Truppen in ihrer Verteidigungsstellung nordwestlich der Festung Königgrätz, mit der Elbe im Rücken, aufklären. Generalstabschef Helmuth von Moltke verlor wie üblich keine Zeit und ließ seine Truppen aus der Bewegung heraus aufmarschieren, die 1. Armee im Norden, südlich anschließend die Elbarmee. An die noch weiter entfernt stehende 2. Armee unter dem preußischen Kronprinzen erging die dringende Aufforderung, den Anmarsch von Norden her beschleunigt durchzuführen. Aufgrund der Zerstörung der Telegrafenleitungen musste dieser Befehl allerdings durch berittene Melder überbracht werden, was zu einem Zeitverlust führte, der sich bei der folgenden Schlacht für die Preußen beinahe verheerend ausgewirkt hätte.
Das Schlachtfeld (siehe die folgenden Karten) lag zwischen den Flüssen Bistritz (im Westen) und der Elbe (im Osten). Es hatte eine Ausdehnung von 18 Kilometern von Nord nach Süd und 12 Kilometern von Ost nach West und umfasste rund 200 Quadratkilometer. Die Ost- und Westränder waren jeweils von Höhen bestimmt, die den Heerführern eine gute Übersicht über das Kampfgeschehen ermöglichten und ausgezeichnete Stellungen für die Artillerie boten. Das Gelände in der Mitte des Schlachtfeldes war stark hügelig, von kleineren bis mittleren Waldstücken sowie zahlrechen Dörfern und Weilern bedeckt. Mittig am Nordrand erhob sich die Ortschaft Chlum. Ihr Besitz war für den Ausgang der Schlacht entscheidend. Wer dort festhielt, beherrschte das Gefecht. Ungefähr in der Mitte des Schlachtfeldes zog sich von Nordost bis Südwest die Straße von Sadowa nach Königgrätz hin. Beiderseits von ihr hatten – die Elbe im Rücken – die österreichischen Korps ihre Aufstellung genommen, im Süden standen die beiden sächsischen Korps. Nach Norden sicherten zwei weitere österreichische Korps gegen den erwarteten Anmarsch der 2. preußischen Armee.

Die Österreicher standen zunächst der 1. preußischen Armee gegenüber, die Sachsen der Elbarmee. Benedek verfügte insgesamt über sieben Korps sowie drei Kavalleriedivisionen in der Reserve, zusammen etwa 181.000 Mann und 770 Geschütze. Dazu kamen 22.000 Mann der sächsischen Armee. Auf preußischer Seite standen der Elbarmee unter General Herwarth von Bittenfeld 46.000 Mann sowie der 1. Armee unter Prinz Friedrich Karl 82.000 Mann in drei Infanteriekorps und einem Kavalleriekorps zur Verfügung. Insgesamt verfügten die Preußen zu Beginn der Schlacht über 456 Geschütze.

Am Morgen des 3. Juli 1866 war die österreichisch-sächsische Armee der preußischen also zahlenmäßig überlegen. Für einen Sieg würde es aus preußischer Sicht darauf ankommen, dass die 2. Armee unter dem Kronprinzen mit ihren 86.000 Mann und 288 Geschützen rechtzeitig auf dem Schlachtfeld erschien. Eine ausgemachte Sache war das keineswegs, zumal es die Nacht über geregnet hatte und die Wege aufgeweicht waren. Moltke war sich dessen bewusst.
Aus diesem Grund sah der preußische Schlachtplan zunächst nur einen hinhaltenden und abnutzenden Kampf unter Einsatz der Artillerie vor. Die nachrückende preußische 2. Armee sollte dann den Österreichern von Norden her in die rechte Flanke und in den Rücken stoßen.
Die Schlacht begann gegen 5 Uhr mit einem Artillerieduell. Den Vormittag über verbissen sich die Kräfte der preußischen 1. Armee unter Prinz Friedrich Karl mit den österreichischen Korps in harten Kämpfen vor allem in zwei größeren Gehölzen vorwärts der Bistritz, den „Hola-Wald“ und den „Swiep-Wald“, wobei die Infanterie beider Seiten durch Artilleriefeuer starke Verluste erleiden musste. Im Süden gelang es der Elbarmee unter General Herwarth von Bittenfeld nur langsam, die Bistritz zu überschreiten und gegen die beiden sächsischen Korps sowie ein unterstützendes österreichisches Korps voranzukommen. Mittags war von den Vorhuten der preußischen 2. Armee immer noch nichts zu sehen und zu hören.
Aus diesem Grunde wandten sich die beiden nach Norden sichernden österreichischen Korps ebenfalls gegen die 1. preußische Armee, was diese unter erheblichen Druck brachte. Diese Bewegung der Österreicher, die von den Kommandierenden der Korps eigenmächtig geschah, sollte sich allerdings später bitter rächen.
Im preußischen Hauptquartier auf der Anhöhe bei Sadowa wurde man zunehmend nervös. Gegen 13 Uhr, als die eigenen Verluste stiegen und nichts voranging, fragte König Wilhelm seinen Generalstabschef, welche Befehle er für einen Rückzug vorgesehen hätte. Moltke antwortete trocken: „Hier wird nicht zurückgegangen, hier geht es um Preußen“. Bismarck hielt dem „großen Schweiger“ sein Zigarrenetui hin und konnte dem König später beruhigt melden: „Er (Moltke) muss sich seiner Sache sehr sicher sein. Er hat sich die beste Zigarre ausgesucht.“
Auch einen Antrag seitens der Elbarmee, einen Entlastungsangriff gegen die Sachsen auszuführen, lehnte Moltke kühl ab mit den Worten: „Bis zum Eintreffen der 2. Armee ist nur ein Festhalten der Front befohlen“.
Auf der Gegenseite sah Benedek jetzt seine Chance gekommen und gab den Befehl, die Reserven heranzuführen. In diesem Augenblick – es war etwa 14 Uhr – geschah dann das, was man auf der gegenüberliegenden Sadowa-Höhe sehnlichst erwartet hatte: Die 1. Gardedivision unter Generalmajor Hiller von Gärtringen, an der Spitze der 2. Armee marschierend, griff von Norden her die rechte Flanke der Österreicher an. Das war keine Minute zu früh.
Danach ging alles relativ schnell. Das österreichische Zentrum musste sich jetzt zum Teil nach Norden wenden, da dort (siehe oben) keine Sicherung mehr vorhanden war. Je mehr Teile der 2. preußischen Armee eintrafen, desto unhaltbarer wurde die Situation der Österreicher.
Gegen 16 Uhr nahm die 1. Gardedivision die strategisch wichtige Ortschaft Chlum ein, wobei General Hiller von Gärtringen, an der Spitze seiner Soldaten fechtend, fiel. Sein Grab befindet sich – neben andern Ruhestätten preußischer und österreichischer Kämpfer – noch heute auf dem dortigen Friedhof.
Chlum konnte gegen hartnäckige österreichische Gegenangriffe gehalten werden. Als Feldzeugmeister Benedek erkannte, dass eine Rückeroberung dieser Schlüsselstellung nicht mehr gelingen konnte, gab er auf.
Zudem hatte die 2. Gardedivision unterdessen begonnen, die österreichischen Linien in Richtung Elbe und Königgrätz im Rücken zu fassen. Wollte Bendek seine Armee nicht vollkommen vernichtet sehen, musste er jetzt den Rückzug antreten lassen. Diesen Befehl erteilte er gegen 17 Uhr des 3. Juli 1866. Der eigenen Artillerie und der Kavallerie gab er den Auftrag, diesen Rückzug zu decken.
Und so geschah es, dass am Abend dieses heißen Tages eine Masse von Reitern in schneeweißen Mänteln und golden blitzenden Helmen eine letzte, heldenhafte Attacke gegen die preußischen Truppen ritt, wohl wissend, dass sie das Blatt nicht mehr wenden konnte. Dennoch griffen die Reiter mit einer solchen Bravour an, dass den Beobachtern im preußischen Hauptquartier die Tränen in die Augen traten. Den Gefechtsberichten zufolge sollen es etwa 8.000 Reiter und Pferde gewesen sein, von denen bei dieser Attacke 600 fielen und mindestens 1.200 verwundet wurden.
Ihre Aufgabe erfüllten sie. Die preußischen Truppen waren zu erschöpft, um die geschlagenen Österreichern noch verfolgen zu können. Nur Kavallerieaufklärung hielt die Fühlung. Benedek rückte über die Elbe und an Königgrätz vorbei in Richtung Wien ab, wobei es – kaum verwunderlich – auch zu Panik und Szenen überstürzter Flucht kam.

Im Glanz der untergehenden Sonne aber begegneten sich bei der Ortschaft Chlum der preußische König und der Kronprinz unter dem Jubel der Soldaten. Mit Tränen in den Augen überreichte Wilhelm I. seinem Sohn den Orden „Pour le Mérite“. In der Tat hatten er und seine Armee den preußischen Sieg gerettet.
Über das Schlachtfeld aber, das der Gegner verlassen hatte, ertönte der Choral von Leuthen: „Nun danket alle Gott!“
In der Nacht und am folgenden Tag verblieb den Sanitätern und Johanniterrittern die traurige Pflicht, Verwundete zu bergen, Sterbende zu trösten und Gefallene zu begraben, wobei sie von einheimischen Geistlichen und Ordensschwestern treu unterstützt wurden.
In den Kirchen und Scheunen aber lagen die preußischen und österreichischen Verwundeten – Brüder! – nebeneinander und fragten sich, ob das alles nötig gewesen war.
Die Verluste in der Schlacht beliefen sich auf:
- Gefallene: ca. 5.660 bis 5.800 Soldaten.
- Verwundete: ca. 7.570 bis 8.500 Soldaten.
- Vermisste & Gefangene: ca. 29.600 bis 30.000 Soldaten (davon etwa 22.000 in Gefangenschaft geraten).
- Gefallene: ca. 1.900 bis 2.000 Soldaten.
- Verwundete: ca. 6.500 bis 6.900 Soldaten.
- Vermisste & Gefangene: ca. 300 bis 700 Soldaten.
Fortsetzung folgt.
Hier können Sie Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5 unserer Reihe zum Deutschen Krieg von 1866 nachlesen.
[1] Alle Zahlen beruhen auf Schätzungen.
Bilder:
Georg Bleibtreu: Die Schlacht von Königgrätz. Gemälde 1869.
Emil Hünten: Begegnung König Wilhelms mit dem Kronprinzen auf dem Schlachtfeld von Königgrätz. Gemälde 1885.

